Zum ersten Mal tritt der Weltorganisation einem Aggressor geschlossen entgegen: das historische Bündnis gegen Saddam Hussein

Von Matthias Naß

New York, im Oktober

Der Kalte Krieg ist vorüber – und die jahrzehntelang dahinsiechenden Vereinten Nationen erwachen zu neuem Leben. Nach mehr als vierzig Jahren der Konfrontation zwischen Ost und West proklamieren Amerikaner und Sowjets eine "neue Weltordnung". Ihr Kern soll jene Weltorganisation sein, deren Erfolg bislang gerade die Rivalität zwischen Moskau und Washington verhindert hat. In der von Saddam Hussein vom Zaun gebrochenen Kuwaitkrise soll sich die neue Solidarität zum ersten Mal beweisen. Die Staatengemeinschaft scheint entschlossen, an dem irakischen Diktator ein Exempel zu statuieren: Diesmal soll das Völkerrecht über das Faustrecht siegen.

Mit drei Hammerschlägen eröffnete Eduard Schewardnadse vor zwei Wochen eine der denkwürdigsten Sitzungen des UN-Sicherheitsrates. "Ich bin informiert worden", las der Moskauer Außenamtschef, dessen Land turnusmäßig die Präsidentschaft im Rat innehatte, mit leiser, geschäftsmäßiger Stimme aus seinen Tagesordnungsunterlagen vor, "daß bei diesem Treffen die folgenden Ratsmitglieder durch ihre Außenminister vertreten sind: Zaire, Jemen, Kanada, China, Kolumbien, Malaysia, Rumänien, Vereinigtes Königreich, Vereinigte Staaten, Finnland, Frankreich, Äthiopien und Sowjetunion. Kuba und die Elfenbeinküste sind durch ihre ständigen Vertreter repräsentiert."

Eindrucksvoller hätte der Sicherheitsrat seine Geschlossenheit gegen den Aggressor Saddam Hussein kaum demonstrieren können, als er zusammentrat, um die Wirtschaftssanktionen gegen den Irak mit einer Luftblockade zu verschärfen. Nur zweimal zuvor in der 45jährigen Geschichte der Vereinten Nationen hatten bis dahin die Außenminister der fünfzehn Mitgliedsstaaten an dem runden, hellen Holztisch im Saal des Sicherheitsrates Platz genommen. Allen im New Yorker Glaspalast am East River war der historische Moment bewußt. Das Stimmengewirr im zweiten Stock des UN-Hauptquartiers erinnerte an die spannungsvolle Erwartung vor einer großen Theaterpremiere. Nicht nur die meisten Missionschefs wollten Zeuge dieser Sitzung sein, auch etliche Außenminister suchten sich noch schnell ein Plätzchen auf der Diplomatentribüne.

"Die Bedeutung dieses Treffens", sagte UN-Generalsekretär Pérez de Cuéllar, dem Schewardnadse als erstem das Wort erteilte, "reicht weit über diese Krise hinaus." Der Überfall des Irak auf Kuwait habe die Vereinten Nationen vor eine "beispiellose Bewährungsprobe" gestellt. Pérez’ Botschaft an den Rat: "Die Gerechtigkeit muß das letzte Wort haben."