Bislang profitieren die Deutschen in beschämender Weise von Knochenmarkspendern im Ausland

Auch Nobelpreisträger können irren. So verlieh das Komitee am Stockholmer Karolinska Institut im Jahre 1912 den Preis an den amerikanischen Chirurgen Alexis Carrel. Dieser hatte raffinierte Techniken zum Nähen von Blutgefäßen entwickelt und sich auch an Organverpflanzungen versucht – allerdings vergeblich. Für sein Scheitern machte Carrel eine Undefinierte "biologische Kraft" verantwortlich. Im Jahre 1960 erhielt dann der englische Anatom Peter Brian Medawar den Nobelpreis für die Entdeckung genau dieser biologischen Kraft, nämlich des Immunsystems. Noch zwei Jahrzehnte zuvor hatte Medawar behauptet, die ominöse biologische Kraft werde "für alle Zeiten Transplantationen von einer Person auf eine andere verhindern". Am Montag wurde nun der diesjährige, mit 1,08 Millionen Mark dotierte Medizinpreis den beiden Amerikanern Joseph E. Murray und Donnall Thomas zuerkannt. Die beiden haben entscheidend dazu beigetragen, daß heutzutage Transplantationen von Organen und Knochenmark fast Routine sind. Mehr als 100 000 Menschen verdanken solchen Eingriffen ihr Leben.

Forschungsergebnisse werden wie eine Stafette weitergereicht. Der französische Arzt Jean Dausset hat mit seinen Arbeiten über Gewebeverträglichkeit bei Transplantationen, für die er 1980 gemeinsam mit den Amerikanern Baruj Benaceraf und George D. Snell den Nobelpreis erhielt, den diesjährigen Laureaten den Weg für ihre Arbeiten geebnet. So hat der Chirurg Joseph Murray vom Peter Brent Brigham-Krankenhaus in Boston 1947 als erster gemeinsam mit David Hume erfolgreich eine Niere transplantiert. Dieser Eingriff glückte, weil Spender und Empfänger genetisch identisch, nämlich eineiige Zwillinge waren. In einem solchen Falle bleibt die gefürchtete Abstoßungsreaktion aus, die sonst die Übertragung fremder Organe vereitelt. Denn das Immunsystem "erkennt" auf der Oberfläche jeder Zelle eine Art "Personalausweis". Dieser "Ausweis" ist genetisch festgelegt und wird als Haupt-Gewebeverträglichkeitskomplex MHC bezeichnet (für major histocompatibility complex). Treffen im Körper patrouillierende Immunzellen auf Gewebe mit fremdem MHC, dann greifen sie es an, als handle es sich um einen Krankheitserreger.

Um den selbstmörderischen Angriff der Immunabwehr erfolgreich zu unterdrücken, ist Joseph Murray trickreich vorgegangen. Dabei waren seine Methoden nicht ungefährlich: Mit massiven Bluttransfusionen vor der Transplantation und gleichzeitiger Ganzkörperbestrahlung konnte die Abstoßungsreaktion gemildert werden. Eine solch massive Schwächung der körpereigenen Abwehr erhöht jedoch die Anfälligkeit des Patienten für andere Krankheiten erheblich. Durch eine medikamentöse Immunsupression mit Azathioprin wurden die Resultate der Nierentransplantation noch deutlich verbessert. Inzwischen heilen nach Angaben des Berliner Urologen Hartwig Huland rund 85 Prozent der verpflanzten Nieren ein.

Drohende Selbstzerfleischung

Joseph Murrays Erfolge bei der Nierentransplantation haben in den USA und mit einiger Verzögerung auch in Europa zu einer stark steigenden Zahl von Operationen geführt. So hatte das Europäische Nierentransplantationsregister (Euro Transplant) in Leiden 1970 knapp 1000 Eingriffe registriert. Im letzten Jahr waren es bereits über 10 000, davon knapp 2000 in der Bundesrepublik. Dreimal mehr Anwärter stehen auf der Warteliste für eine neue Niere. Insgesamt gibt es hierzulande über 28 000 chronisch Kranke, die regelmäßig an einer künstlichen Niere ihr Blut von sogenannten harnpflichtigen Substanzen reinigen lassen müssen. Die Dialyse ist nicht ungefährlich und deshalb eher eine Notlösung. Laut Hartwig Huland gäbe es genügend transplantationsfähige Nieren von Verstorbenen, die Bereitschaft zur Spende in der Bevölkerung ist erstaunlich groß. Doch allzu viele Krankenhausärzte, die auf Intensivstationen arbeiten, scheuen sich, die Angehörigen um Zustimmung zur Organentnahme zu bitten.

Während Murray den Weg ebnete zur Transplantation von Organen wie Niere, Herz, Leber und Lunge, leistete Donnall Thomas Pionierarbeit bei der Übertragung von Zellen, insbesondere von Knochenmark. Er gilt, neben dem Pariser Mediziner Georges Mathé, als der Vater der modernen Knochenmarktransplantation (KMT), die inzwischen für viele Leukämiekranke die einzige Rettung darstellt. Das von ihm aufgebaute Fred-Hutchinson-Zentrum für Krebsforschung in Seattle (Bundesstaat Washington) ist führend auf diesem Gebiet. Bei der KMT wird das Mark ähnlich wie bei einer Bluttransfusion in den Kreislauf des Empfängers übertragen. Die im Knochenmark enthaltenen blutbildenen Zellen (Stammzellen) finden den Weg in die Knochen des Empfängers und sorgen für den Aufbau eines neuen Immunsystems.