Von Friedrich Gorski

Die Leute hier sagen "Gutten Tack" statt "Guten Tag" und "Gutten Morgund" statt "Guten Morgen" "Gruß Gott" kennen sie nicht, sie sagen "Grussedich"

Sie sprechen die Sprache, die man in Bayern im frühen Mittelalter gesprochen hat – Zimbrisch, Altbayerisch Aber sie sprechen sie nicht in Bayern, sie sprechen sie in Italien

Hinter Vicenza geht es ab von der Autobahn Verona-Venedig Die Straße wird enger, kurviger, immer steiler Dreißig Kilometer hinter Vicenza erhebt sich aus der Po-Ebene der Altopiano d’Asiago, die Hochebene der Sette Comuni, der sieben Gemeinden Roana, Rotzo, Foza, Enego, Gallio, Asiago, Lusiana, die Heimat der Urbayern mitten in Italien Eine winzige Sprachinsel auf tausend Meter Hohe Wenn die Leute von Bern reden, meinen sie damit nicht die Hauptstadt der Schweiz, sondern den alten Namen für Verona

"Wenn einer aus Rom, Florenz oder Bari zum ersten Mal unsere alte Sprache hört", sagt Frigo Angelo Meyer, "versteht er niente "

Zu Fngo Angelo Meyer sagen die Leute "Engele" Er ist Maler, Graphiker und Bildhauer und Italiener durch und durch "Aber ein zimbrischer Italiener", sagt der Künstler aus der kleinen Ortschaft Roana Das Herz des Signore Meyer schlagt bayerisch "Immer wenn der FC Bayern gegen Milano, Turin oder Neapel gewinnt, geht’s mir gut"

Angelos Werke zieren den Supermarkt, die "Cimbro-Bar" – die Leute sagen Birrhaus – und das "Cimbro-Hotel" Die Figur, die er geschaffen hat – sie ist eine Art Obelix, denn die Bewohner der Sette Comuni verstehen sich als die Erben der wilden Germanen "Die Sprache", sagt Angelo, "habe ich, wie alle anderen auch, von den Eltern und den Großeltern Alles nur mündliche Uberlieferung "