Von Ulrich Hermann

Früher einmal war der Produzent ein Impresario. Einer, der im abendlichen Meer der Scheinwerfer, Pelze und Limousinen badete, gutgelaunt und in Eile. Früher einmal waren alle Schauspieler wie Marlon Brando, ließen sich Stoppeln im Gesicht stehen, trugen Kattunhosen und Rollkragenpullover, konnten weder spielen noch sprechen, das aber perfekt.

Und früher einmal gab es einen Regisseur, der hieß David Belasco. Er erschien zu den Proben in einem schwarzen Priestergewand, verachtete die Stücktexte und setzte sich über die Wünsche seiner Schauspieler hinweg. Als sich einmal eine Schauspielerin seiner Tyrannei widersetzte, soll er sich die Uhr vom Handgelenk gestreift haben, jene, die ihm angeblich die Mutter auf dem Ster-Boden, überreicht hatte. Er schmetterte die Uhr zu Boden, woraufhin alle schreckensbleich wurden und die Schauspielerin in Tränen ausbrach. Tränen, die Belasco so lange vergeblich von ihr gefordert hatte. Natürlich war alles nur ein Spiel, inszeniert von einem Regisseur, der berühmt wurde für seinen Uhrentrick.

Früher, erinnert sich Arthur Miller wehmütig, war alles anders. Da gab es Impresarios, Regiedespoten und falsche Brandos. "Das amerikanische Theater mißt der Länge nach fünf Häuserblocks und ist gerade eineinhalb Block breit", schrieb der Dramatiker Mitte der fünfziger Jahre und meinte den Broadway in Manhattan, das Zentrum amerikanischer Theaterkultur. Hier war die Welt mit dem "Tod des Handlungsreisenden" bekannt gemacht worden, mit der "Glasmenagerie" und "Endstation Sehnsucht". Arthur Miller ahnte bereits, daß der Broadway seine Vormachtstellung einbüßen würde. Heitere Singspiele bevölkerten die Broadwaybühnen und konkurrierten erfolgreich mit der übermächtigen Hollywoodindustrie. Das Schauspiel verließ den engen Theaterdistrikt zwischen 44ster und 48ster Straße.

In den USA ist das Sprechtheater seit langem die Domäne des Off-Broadway und der Theater außerhalb New Yorks. Dort ist man nicht den kommerziellen Marktgesetzen des Broadway unterworfen, darf etwas wagen und durchaus auch einmal scheitern. Diese Theater werden subventioniert. Es sind "Non-Profits", Theater, deren Ziel es ist, keine Schulden zu machen. Dabei hilft ihnen der Broadway. Seit Ende der achtziger Jahre sind immer weniger Theaterkonsumenten bereit, sechzig Dollar für ein Musicalticket zu bezahlen. "Audience Development", Zuschauerentwicklung, heißt das Schlagwort, das die Misere beheben soll. Die Broadwayproduzenten setzen wieder verstärkt auf das Sprechtheater, werben für Zuschauer, die der musikalischen Konfektion des Musicalschreibers Andrew Lloyd Webber und seiner Kollegen überdrüssig sind.

Um das finanzielle Risiko gering zu halten, werden bevorzugt Produktionen an den Broadway übernommen, die sich an einem Non-Profit-Theater ausreichend bewährt haben. Schon planen die drei großen Produktionsgesellschaften, jeweils eines ihrer Theater ausschließlich dem Schauspiel vorzubehalten, bei Eintrittspreisen, die auch für jüngere Zuschauer erschwinglich sind.

Die Non-Profit-Theater begnügen sich nicht damit, den Broadway mit Stories und Dialogen zu versorgen. Sie lassen sich als Koproduzenten werben und wissen aus der veränderten Marktsituation ihren finanziellen Nutzen zu ziehen.