Dieser Henry Miller ist ein Wüstling. Das kann harte Arbeit sein: Ständig muß man den rechten Mundwinkel hochziehen und das Auge darüber zusammenkneifen. Man muß jeden Satz grunzen und sich von einem schlechten Maskenbildner eine sehr komische Glatze schneiten lassen. Fred Ward spielt Henry Miller.

Diese Anaïs Nin ist ein neugieriges Mädchen, ein Mäuschen mit Mondgesicht. "Ich habe erotische Phantasien", vertraut sie ihrem Tagebuch an, und: "Ich will Lust!" Deshalb hinterläßt sie eine Spur erotischer Verwüstung in den Betten von Paris. Nach der hundertsten Nummer ist sie tief im Innern noch immer eine Jungfrau – eigentlich eine klägliche Figur. Maria de Medeiros spielt Anaïs Nin.

Diese June ist eine Hure aus Brooklyn, das Gesicht von Drogen und Lasterhaftigkeit gezeichnet. Sie ist eine unglückliche Frau, eine Ertrinkende. Uma Thurman spielt June. In einem Film, der virklich die Geschichte einer ertrinkenden Frau erzählen wollte, wäre sie die Idealbesetzung, aber "Henry und June" ist ein Film von Philip Kaufman.

Seit der "Unerträglichen Leichtigkeit des Seins" versucht dieser Regisseur, exotisches europäisches Terrain für das Kino zu besetzen – und erotisch zu erschließen. Jetzt hat er sich Millers und der Nin angenommen, als Amerikaner in Paris. "Henry und June" ist ein prätentiöser Soft-Porno geworden: Jede Geste, jeder Blick mündet in einer neuen schlüpfrigen Situation, untermalt vom Rascheln fallender Kleider. Wie in jedem Sexfilm auf RTL plus auch.

Pornographie ist ein trauriger, kleinbürgerlicher Traum: Anaïs bringt Henry ein paar Stangen Porree mit und lockt ihn mit einem Blick in die Küche. Dort zeigt Kaufman uns in Zeitlupe Stellung 17b: Er sitzt auf einem Stuhl, sie sitzt auf ihm. Dann schwenkt die Kamera auf den Topf, in dem das Gemüse kocht. (66 Stellungen gibt es, lernen wir in diesem Film.)

Keine Abgründe, niemand ertrinkt. Und alles bleibt in der Familie: Einmal gerät Anaïs staunend in einen surrealistischen Karnevalszug halbnackter Menschen. Ein Neger trommelt, Mädchen mit hellenischer Haartracht tanzen vor einem Feuer, eine bärtige Brunnenfigur spuckt Wasser – da überfällt sie ein maskierter, blau geschminkter Faun. Er wirft sie auf eine steinerne Bank, aber bevor er richtig zustößt, sagt er: "Ich liebe dich!" Es ist nur Hugo, ihr Ehemann. ("Wir müssen Vaseline benutzen, weil sein Penis so groß ist.")

Als Anaïs ihre Sachen aus Henrys Dichterklause abholt, nimmt Hugo sie im Auto mit. Hinter ihnen radelt lachend Henry Miller, und auf dem Nachhauseweg verfolgt uns der Geruch von gedünstetem Porree. Der Nachspann verrät auch, was aus June geworden ist: eine Sozialarbeiterin in Queens. Robin Detje