Das Blutbad an der Klagemauer war nicht bloß "ein sehr trauriger Vorfall", wie sich der Jerusalemer Polizeichef ausdrückte. Es war ein Massaker: Sieben Juden wurden durch Steinwürfe verletzt, aber über zweihundert Palästinenser durch Schüsse; mehr als zwanzig Araber lagen am Ende tot auf dem Tempelberg. Auf wen fällt die Schuld? Wer hat angefangen mit dem Provozieren? Waren es Araber oder Israelis, die als erste die Nerven verloren? In normalen Zeiten wäre eine jede dieser Fragen bedeutsam. Inmitten der hochbrisanten Kuwait-Krise jedoch werden sie alle überlagert von einer anderen: Rückt nun der Krieg näher in Nahost?

Ein Hauch von Sarajewo weht von Jerusalem über die Weltbühne. Die große Politik der Kabinette mag noch so vernünftig kalkuliert sein; die Quertreibereien der Unvernünftigen können das Feingespinst urplötzlich zerreißen. Die Bombe, die den Erdball in Brand setzte, explodierte 1914 auf einem Nebenschauplatz. Ähnliches könnte sich wiederholen – mit ähnlich verheerenden Folgen. Es ist ja daran nicht zu deuteln: Die Fehde zwischen Israelis und Arabern gehört in den gleichen Zusammenhang wie die von Saddam Husseins Eroberer-Ehrgeiz ausgelöste Kuwait-Krise. Die Bagdader Lunte und die Jerusalemer Zündschnur führen zum selben Pulverfaß.

Solange der irakische Diktator sich in Kuwait festkrallt, ist jeder Versuch zum Scheitern verurteilt, Israel zum Friedensschluß mit den Palästinensern zu drängen. Gibt Saddam allerdings seine Beute frei, wird der Druck auch auf Israel wachsen, die okkupierten Gebiete zu räumen und den Arabern statt der harten Hand des Besatzers die Hand des guten Nachbarn entgegenzustrecken. Die Unbeugsamen in Jerusalem muß bei dem bloßen Gedanken daran eine Gänsehaut überlaufen. Aber ein Krieg im Orient würde Israel ungeahnten neuen Gefahren aussetzen. Er muß auch deswegen vermieden werden. Das setzt voraus, daß die Israelis nicht mutwillig oder leichtfertig in der Nähe der Pulverkammer Funkenflug verursachen.

Th. S.