Erwin Strittmatter meint es gut mit uns. Aus seinen Büchern wehen uns die verlorenen Jahre an, die engen und schmiegsamen Alleen der Mark Brandenburg, die schon der Vergangenheit angehören, obwohl es sie noch gibt. Strittmatter, Ponyzüchter im Schulzenhof bei Dollgow/Bezirk Potsdam, ist vierfacher Nationalpreisträger der DDR und mit einer Gesamtauflage von vielen Millionen ausgezeichnet. Das muß nicht gegen ihn sprechen. Ansonsten hat er, in deutscher Sprache, wenig zu sagen gehabt; die bundesdeutschen Verlage zierten sich bisher trotz des deutschen demokratischen Erfolgs mächtig.

Immerhin: Kiepenheuer & Witsch sieht nun die Chance gekommen, den dritten Band der Entwicklungsphantasie "Der Wundertäter" auch in unseren Breiten vorzulegen. Im Jahr 1990 ist der Roman, "verlegt" (in des Wortes anderer Bedeutung) im Aufbau-Verlag, pro forma in der DDR erschienen – ganz anders als der erste Band der Trilogie, der im Erscheinungsjahr 1957 offen in den Buchläden auslag: ein Bildungsroman ganz im Sinne des "Bitterfelder Wegs", auf dem der Held irgendwann automatisch in die Turmgesellschaft des Sozialismus eingehen wird.

Die ersten beiden Bände des "Wundertäters" spielten noch im vorsozialistischen, im kapitalistisch-faschistischen Gerangel, erst im dritten Band wird es ernst. Da wächst der Held Stanislaus Büdner, Bäcker, Hilfsarbeiter, Lokalredakteur im Märkischen und letztlich Romanautor (alles wie Strittmatter selbst), in die DDR-Gesellschaft und de stalinistischen Reibereien hinein. Und obwohl Srittmatter das alles im milden Abendschein des Schelmenromans, in uneigentlicher Idylle schildert, wurde 1976 bis 1980 hinter den Kulissen heftig über die Veröffentlichung dieses Werks diskutiert.

Ach, welch Zeiten sind das gewesen, in denen ein schelmisch-biedermeierliches Werkchen solche Wirkung zu zeitigen vermochte! Wie Holzschnitte sind die Strittmatterschen Figuren, allen voran Stanislaus Büdner, der wie ein Jean Paulscher Wicht durch die Widrigkeiten bürokratischer und kleinbürgerlicher Strukturen schlüpft, als wär’s der heimische Krautgarten. Zu dieser Obenhin-Haltung gehört selbstredend eine gewisse lausitzsche Halsstarrigkeit, die Strittmatter qua Geburt besitzt. Da hat dieses 600-Seiten-Opus atmosphärische Qualitäten.

Doch leider kann Strittmatter mit der Idylle nicht distanziert genug umgehen. Weil es ein Schelmenroman ist, setzt es zwar hin und wieder ein paar Pointen, doch leider sind wir immer so schonungslos darauf vorbereitet, daß sie jede Wirkung verfehlen.

Trotz all der schlimmen Karrieristen und Neunmalklugen ist’s eine heimelige Welt. Und wenn der Honecker nicht gar so senil gewesen wäre und dem Gregor Gysi einfach 1985/86 rechtzeitig Platz gemacht hätte, dann lebten sie noch heute. Helmut Böttiger

  • Erwin Strittmatter: