Andreas Schmidt wohnte in Schwabing, in München, an der Isar, in Oberbayern, in der Bundesrepublik. Er hat sich wohl als Münchner, vielleicht als Deutscher und Europäer, gewiß aber als Bayer gefühlt.

Fritz Müller wohnte in Nohra bei Weimar, im Tale der Ilm, in Thüringen, in der DDR. Er hat sich gern als Weimarer, manchmal als Deutscher, immer jedoch als Thüringer gesehen.

Andere mögen es anders empfunden haben. Die Müllers und Schmidts jedoch bilden die Mehrheit in Deutschland. Das historisch gewachsene Land, das überschaubar ist, wo Menschen mit ähnlichen Interessen viele Jahre lang gemeinsam die Wechselfälle der Geschichte über sich haben ergehen lassen: das ist "Heimat". Zur Heimat haben wir ein intimeres, ein natürlicheres, ein von patriotischen Wallungen freieres Verhältnis als zum "Vaterland".

Poetisch hat es Wolfgang Borchert so ausgedrückt: "Das ist mehr als ein Haufen Steine, Dächer, Fenster, Tapeten, Betten, Straßen, Brücken. .. das ist mehr als Schiffssirenen, kreischende Kräne, Flüche und Tanzmusik – oh, das ist unendlich viel mehr. Das ist unser Wille, zu sein. Nicht irgendetwas und irgendwer zu sein, sondern hier und nur hier zwischen Alsterbach und Elbestrom zu sein – und nur zu sein, wie wir sind, wir in Hamburg."

Auch Hamburg, ein Konglomerat von dreißig Dörfern, ist manchem noch zu bunt gemischt. Eine Dame der besseren Gesellschaft pflegte als Wohnort "Blankenese" anzugeben. Ganz im Gegenteil sehen andere keine Grenze zwischen Hamburg-Nord und Schleswig-Holstein, zwischen Hamburg-Süd und Niedersachsen; sie würden sich als "Norddeutsche" (und nicht als "Westdeutsche") bezeichnen. Deutschland ist als Staat zu groß und zu jung, als daß das Gefühl von Nähe sich spontan einstellen könnte. Europäer wollen wir sein; aber nur wenige fühlen sich in Europa zu Hause (dafür muß einer drei oder besser fünf Sprachen sprechen). Der Weltbürger schließlich hatte in den vierziger Jahren Konjunktur. Bertrand Russell meinte damals allen Ernstes, nur eine Welt-Regierung könne den Untergang der Menschheit verhindern. Er mag noch immer recht behalten. Aber vorerst sind wir ganz zufrieden, wenn wenigstens die Uno einigermaßen funktioniert.

Die Bürger der DDR hatten sich schon mit vielem abgefunden. Aber als die SED-Regierung 1952 durch eine Verwaltungsreform die fünf Länder Mecklenburg, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen schlicht abschaffte, da ging doch ein Murren durchs Land, und ein erster kleiner passiver Widerstand wurde geleistet. Der Mann aus Güstrow nannte sich weiterhin "Mecklenburger", und ein Karl-Marx-Städter fühlte sich, da er Chemnitzer nicht mehr sein durfte, nur als Sachse einigermaßen wohl.

Davon hatten die Politiker, die die Vereinigung steuerten, offenbar wenig Ahnung, residierten sie doch als Nicht-Berliner in Berlin und vor allem als Nicht-Rheinländer in Bonn. In Hamburg und Kiel wurden Pläne geschmiedet, wie man sich Mecklenburg anschließen und damit ein Land der Norddeutschen gründen könnte. Und die hessische CDU wollte gleich ganz Thüringen kassieren. Ja, vielen Staatstüftlern schien Ende 1989 der geeignete Augenblick gekommen, auch die Landkarte der westdeutschen Bundesländer neu zu zeichnen. Danach freilich haben sie wohl einmal ein paar Worte mit Leuten in Dresden oder in Rostock gesprochen, und es wurde ihnen klar: Da läuft nichts. Gerade wer mit vierzig Jahren DDR-Geschichte nicht glücklich sein konnte, der fühlte sich nun um so lieber als Mecklenburger, als Brandenburger, Sachse, Thüringer.