Von Robert Leicht

Der Kirchenmann ist auch als Kandidat eine ungewöhnliche Erscheinung. Als Manfred Stolpe für die Sozialdemokraten im neu erstandenen Lande Brandenburg antrat, sorgte dies für einige Überraschung. Immerhin war er seit der Wende im Herbst 1989 schon oft für politische Ämter im Gespräch – nur daß er eben anfangs nicht von Sozialdemokraten nominiert worden war. Erst hieß es, weit vor der Einrichtung des Runden Tisches, er solle in der ersten Regierung Modrow Außenminister, zumindest aber Kirchenminister werden. Es fehlte wohl nicht viel dazu. Vor den Volkskammerwahlen im März galt Stolpe als ein Mann, der weiterhelfen könnte, falls keine eindeutige Mehrheit Zustandekommen sollte. Auch in dieser Phase wurde er von keiner Partei vorgeschlagen, von keiner vereinnahmt.

Jetzt ist seine Kandidatur für die ostdeutschen Sozialdemokraten eine spannende Angelegenheit. Zum einen verfügen sie damit über einen, ja vielleicht den einzigen aus der vormaligen DDR stammenden Bewerber mit langjähriger Erfahrung in Verwaltung und sozusagen Diplomatie – denn Staat und Kirche pflegten fast wie fremde Mächte miteinander zu verhandeln. Zum anderen aber ist er der einzige Akteur in der ostdeutschen Sozialdemokratie, der nicht erst nach der Wende in die Politik und in öffentliche Verantwortung geraten ist.

All die Pfarrer, die vor eben erst einem Jahr unter konspirativen Umständen die – so hieß sie damals – SDP aus der Taufe gehoben hatten, waren kirchenpolitisch einer Basis verpflichtet, die sich oft genug im Gegensatz zu jenen Ämtern erlebte, die der Kirchenjurist Stolpe wahrnahm, als Konsistorialpräsident der berlin-brandenburgischen Kirche und als stellvertretender Vorsitzender des Kirchenbundes in der DDR.

An dem Juli-Abend, an dem Stolpes Kandidatur durchsickerte, stöhnte ein Theologe in der SPD-Volkskammerfraktion, der über Karl Marx promoviert hatte: "Oh, laß mich mit dem Stolpe in Ruhe." Ein Pfarrer, vom Neuen Forum, der in der Leitung der DDR-Kirchentage Erfahrungen gesammelt hatte, widersprach ihm sogleich: "Es gibt Rollen, die mögen uns fremd sein. Aber wo wären wir, wenn Stolpe seine Rolle nicht auf seine Weise ausgefüllt hätte?" Richard Schröder schließlich, der frühere Fraktionsvorsitzende der SPD in der Volkskammer, der weitaus skeptischer als Stolpe über die Formel "Kirche im Sozialismus" dachte, erinnert sich: SED-Funktionäre hatten Stolpe und ihn eines Tages zu sich zitiert, um die beiden gegeneinander auszuspielen. Stolpe habe die Differenzen keineswegs verleugnet, sodann aber den verdutzten Vertretern der Staatsmacht unmißverständlich bedeutet, daß eben dies der Unterschied zwischen Staat und Kirche sei – daß nämlich in der Kirche unterschiedliche Positionen legitim seien und unzweifelhaft zur selben Sache gehörten.

Schwer zu sagen, was nun im Wahlkampf mehr zählen wird, daß Stolpe sich schon lange in Amtern bewährt hat oder daß er nicht zur Fundamentalopposition in der alten DDR gehört hatte. Da liegt es nahe, an Max Webers Gegenüberstellung von Verantwortungsethik und Gesinnungsethik zu denken, nur daß eben Stolpe gar nicht dazu neigt, die beiden Positionen absolut gegeneinander abzugrenzen. Wahrscheinlich wußte er selber immer noch am genauesten, auf welchem scharfen Grat er an der Naht- und Bruchstelle zwischen demokratisch organisierter Kirche und diktatorischem Staat zu operieren hatte.

Als seine Kandidatur bekannt wurde, hatte es einen kurzlebigen Versuch einer Subalternbeamtin im Bonner innerdeutschen Ministerium gegeben, Stolpe anzuschwärzen. Tenor: Er habe, ähnlich wie einige Bischöfe, das alte System der DDR nicht generell verurteilt und in früheren Reden "ohne Not" immer wieder hervorgehoben, daß ein besserer Sozialismus möglich sei. Im übrigen strotzte das schnell wieder aus dem Verkehr gezogene Verdächtigungspapier von leicht widerlegbaren Behauptungen.