Von Wilfried F. Schoeller

Keine neogotische Villenpracht beherbergt in Leipzig den Teilzeit-Rückkehrer Erich Loest. Er hätte sie verdient, ist er doch, wie gegenwärtig kein anderer, als "Saxozentrist" der Künder seiner Gegend und ein gebeutelter dazu. Was die lächerlich sächselnde Fistelstimme Ulbrichts einst an Vorurteilen gegen den Landstrich und seine Mundart hervorrief, das trägt Loest mit epischer Ausführlichkeit wieder ab: "Wäre Deutschland hin und wieder am sächsischen Wesen genesen, es wäre weniger rauh, weniger bombastisch, leiser und bekömmlicher zugegangen", heißt es in dem neuen Buch "Der Zorn des Schafes".

Man landet, wenn man den Leipziger Loest besucht, in einer schmalen Drei-Zimmer-Neubauwohnung, aus der die Handwerker verschwanden, bevor sie letzte Hand anlegen konnten. Die Strecke vom Einst zum Jetzt ist ein Katzensprung: Aber zwischen dem Quartier, das der Schriftsteller vor seiner Ausreise in die Bundesrepublik 1981 bewohnte, und dem heute, beide in Leipzigs Osten, liegen mehr als acht von Staats wegen erzwungene Jahre. Im Frühjahr war Loest mit seiner mobilen Einheit, genannt Linden Verlag, in seiner Heimat wieder angekommen, zum Erstaunen der Leipziger, die seine Autobiographie "Durch die Erde ein Riß" und den Roman "Völkerschlachtdenkmal" in Massen kauften. Auf dem Postweg erhielt der Bonner Loest Kunde von seiner Vergangenheit. Es wurden ihm einzelne Kopien von Schriftstücken zugeschickt, die auf eine Stasi-Observation seit 1975 hinwiesen. Durch Mittelsleute erwarb er von ehemaligen Stasi-Mitarbeiterinnen rund 300 Blatt. Beim Vergleich mit den Originalen, den ihm die Bürgerkomitees erlaubten, machte er eine verblüffende Entdeckung: In 31 Mappen mit rund 9000 Blatt haben die findigen Späher sein Leben und seine Taten über sechs Jahre lang dokumentiert.

Zum erstenmal wird mit diesen Fundstücken das groteske Überwachungskonto eines einzelnen aufgedeckt, auch wenn Loest in seinem neuen Buch nur Fragmente dieses kryptischen Treibguts veröffentlichen konnte. In den Akten finden sich allein acht Bände mit Briefen, die von den fleißigen Genossen auf dem Hauptpostamt kopiert wurden; viele von ihnen haben ihren Empfänger nie erreicht. Und über diesen Teil der "Eckermann-Tätigkeit von Rang" läßt Loest keinen Zweifel: Den sieht er als sein Eigentum an, den will er haben.

Was liegt vor? Eine Autobiographie von fremder Hand. Der Fundus an Memorabilien wird eröffnet mit einem Maßnahmeplan vom 5. September 1976 zur operativen Bearbeitung des L.; man wollte verhindern, daß von ihm erneut feindliche und politisch negative Handlungen ausgehen. Rund dreißig Spitzel und Zuträger wurden auf ihn angesetzt, von den einfachen klandestinen Reportern, die der grammatikalischen Folge der deutschen Sprache nicht allzu mächtig waren, bis zu Stasi-Offizieren. Man polte enge Freunde des Autors um: Dazu ist die ehemalige Verbindung im Freizeitbereich (Besuch von Sportveranstaltungen, gemeinsame Skatrunde) wieder aufzubauen. Freunde wie der Schriftsteller Werner Heiduczek und der Maler Wolfgang Mattheuer wurden wegen der Gefahr einer politisch-ideologischen Plattformbildung ebenfalls observiert. Im übrigen scheint es einen Generalstabsplan gegen aufmüpfige Autoren gegeben zu haben. Jedenfalls lautet der Auftrag, die Ausforschung Loests in die Gesamtkonzeption der operativen Bearbeitung von oppositionellen Schriftstellern einzugliedern. Über Heiduczek will man gezielte Informationen verbreiten, die Loest gegen ihn aufbringen sollen. Die Familie wollten sie durch Herbeiführung von privaten Konfliktsituationen für die Kinder belasten.

Die Vorwürfe werden 1978 in Kürzeln gefaßt: Loest betreibe PID gleich politisch-ideologische Diversion, er diene als fKP, als freiwillige Kontaktperson für die Infiltration gegnerischer Ideen. Im Lauf der Jahre macht er eine Feindbild-Karriere: In seinen Akten stieg er vom kritischen und negativen zum feindlich-negativen Schriftsteller auf.

Die abstruse Umsicht, die der Stasi-Stab einem einzigen Schriftsteller angedeihen ließ, förderte den absonderlichsten deutschen Beamtenfleiß. Am 28. Januar 1980 notierte der amtliche Verwalter der Wanze, die ins Telephon und auch ins Wohnzimmer der Loests eingebaut war, daß sein Objekt gegen sieben Uhr etwa 1,10 Minuten auf der Schreibmaschine getippt habe, nachdem am Abend zuvor ab 0.33 Uhr Ruhe im Objekt geherrscht habe. Loest hatte die Austrittserklärung aus dem Schriftstellerverband getippt. Und sie beendete einen neuerlichen Versuch, in seiner Heimat heimisch zu werden.