Von Wolfgang Altenburg

BREMEN. – Herbststellenwechsel bei der Bundeswehr, Routine seit Jahrzehnten. Aber in Strausberg übergibt Minister Stoltenberg das Kommando über die Bundeswehr-Ost an Generalleutnant Schönbohm, das ist keine Routine. Wenn der zur Zeit häufig gehörte Ausspruch je gepaßt hat, dann hier: Wer hätte das vor einem Jahr gedacht!

Daß zwei deutsche Armeen – Bundeswehr und Nationale Volksarmee – sich in der Mitte Europas gegenüberstanden, war der sichtbarste Ausdruck der militärischen Konfrontation zwischen Nato und Warschauer Pakt. So kennzeichnet auch die Eingliederung der NVA in die Bundeswehr wie kein anderes Ereignis das veränderte Ost-West-Verhältnis. Nüchtern administrativ hatten kurz zuvor noch Minister Eppelmann für die DDR und General Luschew für den Warschauer Pakt das Dokument unterschrieben, das die NVA aus dem östlichen Bündnis entließ – die notarielle Beglaubigung eines bis vor kurzem noch unglaublichen Vorgangs. Man muß das für die Geschichte festhalten, so war das!

Wer aus Erfahrung weiß, wie die Planung für den Komplex Bundeswehr mit seinem Jahresetat von über fünfzig Milliarden Mark lange Zeit im voraus erarbeitet wird, der weiß auch, was die Eingliederung der alten NVA für die Stäbe bedeutet. Schon die Übernahme der NVA-Waffen stellt die Führungsstäbe vor ungewöhnliche Aufgaben. Was macht man mit vorhandenen oder noch zulaufenden modernen Kampfflugzeugen des ehemaligen Gegners, die wegen untragbarer logistischer Probleme keinen Platz im Arsenal der neuen Bundeswehr haben? Verkaufen – an wen? Verschrotten ist auch zu teuer. Und wie läßt sich ehrlich bewerten, wessen Gerät nun qualitativ besser oder doch von so minderer Qualität ist, daß eine Übernahme nicht ratsam ist?

Aber das Entscheidende ist nicht das Gerät, es sind – wie überall bei der deutschen Einigung – die Menschen. Und da appelliere ich an meine Kameraden: Hüten wir uns vor dem uns Bundesbürgern eigentümlichen Hochmut. Menschlichkeit und Klugheit sind gefragt im Umgang mit den neuen Mitbürgern in Uniform, die nicht Bürger zweiter Klasse sein dürfen! Strafbares Verhalten in der Vergangenheit muß verfolgt werden, gewiß. Aber viele Fälle werden im Grenzbereich liegen, viele Menschen "liefen eben so mit". Hätten wir, wenn wir drüben gelebt und gedient hätten, das Zeug zu einem Staufenberg gehabt; oder auch nur, bescheidener, die Flucht in den Westen gewagt? Hut ab vor den Menschen in Leipzig und anderswo, die ihre Befreiung erreichten – ohne Gewalt, ohne einen Schuß.

Wie man menschlich zusammenwächst, wie innerhalb der neuen Bundeswehr Vertrauen entsteht – nach oben und unten, entsprechend dem Grundsatz der Inneren Führung ist die eigentliche Herausforderung. Sie stellt sich für alle deutschen Soldaten, besonders aber für jene, die aus der Bundeswehr in Führungspositionen nach "drüben" abgeordnet wurden. Sie sollten die Aufgabe bewältigen können, wenn man ihnen die nötigen Mittel dafür gibt. Vorschriften, Haushalts- und Planstellenrichtlinien sollten flexibel gehandhabt werden dürfen.

Dennoch besteht die Gefahr, daß der große Apparat Bundeswehr handelt, wie Apparate das nun einmal tun: Alle Aufgaben werden in erster Linie administrativ bewertet und entsprechend bewältigt. In Wahrheit – und das gilt es zu begreifen – ist die Eingliederung der NVA, ist der Aufbau der neuen Bundeswehr eine hochpolitische Angelegenheit.