Von Wilfried Kratz

Für die Boulevardpresse war das wichtigste Ereignis nicht der volle Beitritt Großbritanniens zum Europäischen Währungssystem (EWS). Die Schlagzeilen der Massenblätter begrüßten vielmehr die damit verbundene Senkung der Leitzinsen von fünfzehn auf vierzehn Prozent und die angenehmen Folgen für die "schwergeprüften" Hausbesitzer. "Frohe Weihnachten für Eigenheimer", jubelte ein Blatt. In der Tat: Bei einer Hypothek von 120 000 Mark spart ein Hauseigentümer nach Abzug der Steuererleichterung in Zukunft 75 Mark pro Monat.

Für die sogenannten Qualitätszeitungen gab es dagegen gar keine Frage. Der Eintritt des Pfundes in das Wechselkursgefüge war das zentrale, ja historische Ereignis. Zu einem Mittelkurs von 2,95 D-Mark und mit einer Schwankungsbreite von jeweils sechs Prozent nach oben und unten gehört das Pfund nun voll und ganz zum EWS. Nach jahrelanger quälender Diskussion war die Entscheidung von Freitag vergangener Woche der erlösende Schritt. Seit mehr als elf Jahren spielte auf der Londoner politischen Bühne das Stück "We go in when the time is right". Diese Posse vom "passenden Zeitpunkt" ist nun vom Spielplan endgültig abgesetzt.

Die Briten sehen die Währungsentscheidung und die Zinssenkung in einem engen Zusammenhang. Und so bestimmte das politische Kalkül, die Wahlchancen zu mehren, letztlich den Schritt der konservativen Regierung Thatcher. Noch eindreiviertel Jahre hat die Regierung Zeit, um Popularität zurückzugewinnen. Denn die oppositionelle Labour Party von Neil Kinnock hat nach den Meinungsumfragen derzeit einen Vorsprung von gut zehn Prozent. Und auf ihrem Parteitag in der vergangenen Woche ist es ihr gelungen, sich noch deutlicher als künftige Regierung zu empfehlen.

Bedroht von der Opposition, studierten die konservativen Parteistrategen die Wirtschaftslage: Die Politik der hohen Zinsen hat zu wirken begonnen; die Konjunktur kühlt sich zunehmend ab; die Indikatoren deuten auf Stagnation, wenn nicht gar Rezession hin. Werkschließungen, Bankrotts und Entlassungen machen Schlagzeilen. Seit dem Frühjahr steigt die Arbeitslosigkeit wieder. Die hohen Hypothekenzinsen plagen die Hausbesitzer, darunter viele konservative Wähler.

Trotz der Restriktionspolitik blieb die Inflation ein Problem. Die Teuerungsrate liegt nun bei etwa elf Prozent. Eine Zinssenkung allein hätte zwar das Wehklagen etwas gedämpft, aber die Antiinflationspolitik diskreditiert. Außerdem wäre das Pfund geschwächt worden, dessen relativ fester Wechselkurs als antiinflationäre Stütze notwendig ist. Also gab es nur einen Ausweg: Die Zinssenkung mußte unter dem Schutz des Währungssystems vollzogen werden, in dem der Pfundkurs fixiert ist, auch wenn Auf- und Abwertungen als letzte "Rettung" grundsätzlich möglich sind.

Zu diesem Zweck mußte der letzte aber entscheidende Felsen weggeräumt werden. Margaret Thatcher verband ihre Vorbehalte gegen feste Wechselkurse mit einer tiefsitzenden Abneigung, das "souveräne" Pfund in den "Germanischen Hartwährungsblock" einzubringen und "unabhängige" britische Politik den Herren der Bundesbank auszuliefern. Insofern gab es für sie eigentlich nie einen "passenden Zeitpunkt".