Wieder einmal erregt sich Spaniens liberale Öffentlichkeit über ein Gerichtsurteil, das an die Franco-Zeit erinnert: In der Stadt Malaga verurteilte das Landgericht den Gynäkologen Saénz de Santamaria zu sieben Jahren Gefängnis, einem ebensolangen Berufsverbot sowie einer Geldstrafe von 100 000 Peseten (rund 1800 Mark), weil der Arzt in seiner Klinik eine illegale Abtreibung vorgenommen habe.

Das drakonische Strafmaß wurde auch mit der Tatsache begründet, daß der Klinikchef einen Medizinstudenten im sechsten Semester bei dem Schwangerschaftsabbruch assistieren ließ – "auch dies eine Anstiftung zu ungesetzlichem Handeln", wie die Richter in ihrer Urteilsbegründung formulierten. Sogar die Frau und der mit dem Schwangerschaftsabbruch einverstandene Ehemann wurden mit einer Haftstrafe von jeweils zwei Monaten belegt.

Das Urteil von Malaga richtet sich gegen einen Arzt, der unter jenen Frauen, die eine Gesetzesreform fordern, hohes Ansehen genießt: German de Saenz de Santamaria gehört zu jener kleinen Gruppe von Gynäkologen, die sich immer wieder dafür eingesetzt haben, daß Abtreibungen nicht strafrechtlich verfolgt werden. Sie sind der Auffassung, daß die Entscheidung in die Privatsphäre der Frau gehöre.

Der Arzt hatte auf der Grundlage des im Jahre 1985 novellierten Abtreibungsgesetzes Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen; wie viele seiner Berufskollegen kam auch Saénz de Santamaria mit den verschwommenen und widersprüchlichen Bestimmungen des spanischen Gesetzes in Konflikt. Nach dem spanischen Abtreibungsgesetz ist der Abbruch der Schwangerschaft bei Gefahr für das Leben von Mutter und Kind erlaubt. Die meiste Abbrüche werden mit einer "psychischen und physischen Gefahr für Mutter und Kind" begründet. Eine soziale Indikation gibt es in Spanien nicht.

Zehn Jahre nach dem Ende der Franco-Diktatur war dieses Gesetz 1985 ein Fortschritt; doch immer wieder wurden von Richtern jene kaum zwanzig Kliniken durchleuchtet, in denen Ärzte ratlosen Frauen zu Hilfe kamen. Noch 1989 wurden die Mitglieder des Familienplanungszentrums Los Naranjos bei Sevilla zu fünf Jahren Gefängnis und dreißig Jahren Berufsverbot verurteilt, weil die vier leitenden Ärzte Abtreibungen vorgenommen hatten.

Das damalige Urteil von Sevilla brachte Spaniens Frauen auf die Barrikaden, mit über 30 000 Unterschriften protestierten sie gegen katholischdogmatische Richter. "Es besteht kaum Zweifel daran", schrieb im Januar dieses Jahres die liberale Tageszeitung El Pais, "daß fanatische Gruppen in Gesellschaft und Justiz zu einem Kreuzzug blasen, um das Recht auf Abtreibung für immer zu verhindern."

Das Urteil von Malaga demonstriert, daß das Abtreibungsgesetz höchst widersprüchlich ausgelegt werden kann. So erkannte der Arzt Saénz de Santamaria eine erhebliche psychische Gefährdung der 38jährigen schwangeren Inmaculada Jiménez: Ihre Ehe war zerrüttet, sie und ihr Mann waren entschlossen, sich scheiden zu lassen.