Österreichs Wähler haben nach der Parole entschieden: Mögen hätten wir schon, aber getraut haben wir uns nicht. Die Sozialisten der Alpenrepublik hatten genug Skandale auf dem Kerbholz, um sie für lange Zeit auf die Oppositionsbänke zu verweisen. Aber dann hätte Österreich auch den einzigen Politiker verloren, der derzeit die Statur hat, sein Land mit zu vertreten: Franz Vranitzky. So kam denn ein widersprüchliches Urteil zustande: teils ungerecht, teils sehr vernünftig.

Vranitzky kann sein Projekt fortsetzen, Österreich nach und nach aus der Sklerose einer Konkordanzdemokratie und einer verharzten Staatswirtschaft zu befreien. Außerdem muß Österreich, wenn es sich, zumal jenseits des Ost-West-Konflikts, nicht marginalisieren lassen will, den Weg nach Europa finden. Aber die schleichende Revolution ist vorderhand nur im Rahmen des Systems möglich. Aus diesem Grund hatte Vranitzky selbst im Sturm der Waldheim-Affäre die große Koalition gehütet – weil anders sich die Widerstände gegen die Modernisierung auf der Rechten wie auf der Linken nicht überwinden lassen.

So gesehen handelt es sich für Vranitzky um ein Traumergebnis: Er selber gestärkt, der Koalitionspartner vorhanden, aber geschwächt. Nur: Die Sozialisten hatten es eigentlich anders verdient.

R. L.