Selbst der letzte Akt britischer Währungssouveränität sorgte in den europäischen Hauptstädten noch für Ärger: Die Londoner Regierung hielt sich nämlich bei ihrem Beitritt zum Wechselkursmechanismus des EWS nicht an die Spielregeln und legte die Rahmenbedingungen in eigener Machtvollkommenheit fest. Normal wäre es gewesen, das Vorgehen vorab mit dem EG-Währungsausschuß abzustimmen.

Die britische Extratour ist freilich mehr als ein Verstoß gegen den währungspolitischen Knigge. In Brüssel wird sie gewertet als Indiz dafür, daß durch die Teilnahme des Pfundes die britische Regierung keineswegs europabegeisterter geworden sei. Der Weg zur Wirtschafts- und Währungsunion werde daher nicht einfacher. In der Tat können die Briten nun mit neuem Selbstbewußtsein in die Debatte über die Währungsunion eingreifen.

Und ihre Funktion als Bremser der europäischen Währungsintegration haben sie längst nicht aufgegeben. Beim Rat der Wirtschafts- und Finanzminister am Montag in Luxemburg wurde deutlich, daß London keineswegs auf die Überholspur der Währungsintegration gewechselt hat. Dem Ziel einer einheitlichen Währung für die EG, die von einer unabhängigen Zentralbank ausgegeben wird, stehen sie Schatzkanzler John Major zufolge nicht positiver gegenüber als früher. London hat am Wochenende eben nachgeholt, was die Partnerländer vor elf Jahren getan haben – nicht mehr und nicht weniger. Wenigstens betonte Major, sein Land sei sicher nicht in den Wechselkursverbund gegangen, um dort als trojanisches Pferd zu wirken und die volle Währungsunion zu vereiteln.

Was das Funktionieren des EWS anbelangt, denken sowohl Brüsseler als auch Bonner Experten, daß es eher komplizierter wird. Mit der überdurchschnittlich hohen Inflationsrate von rund elf Prozent und dem großen Außenhandelsdefizit Großbritanniens nimmt die Konvergenz innerhalb des EWS tatsächlich wieder ab. Mehr Übereinstimmung in den wirtschaftlichen Grunddaten ist aber die Voraussetzung für einen erfolgversprechenden Übergang zur zweiten und schließlich zur dritten Stufe der Währungsunion. Hinzu kommt der Charakter des Pfundes als wichtige internationale Reservewährung. Dadurch können Kapitalströme verursacht werden, die so groß sind, daß die Fähigkeit der Zentralbanken, durch Interventionen steuernd und stabilisierend einzugreifen, durchaus überfordert sein kann. Mehr denn je gilt deshalb, daß mittelfristig kein Weg an einer einheitlichen Währung für die Gemeinschaft vorbeiführt.

Die Länder, die sich über dieses Ziel einig sind, stellen mittlerweile trennende Auffassungen in Einzelfragen nicht mehr so stark in den Vordergrund, wie es noch vor einem Monat in Rom geschah. Die deutsche Delegation deutete in Luxemburg bereits an, daß sie einem niederländischen Kompromißvorschlag Geschmack abgewinnt. Er enthält weniger scharfe Voraussetzungen für den Übergang zur nächsten Phase der Währungsunion, als sie Bundesfinanzminister Theo Waigel noch in Rom formulierte. Vor allem aber wird ein festes Datum, nämlich der 1. Januar 1994, für diesen Sprung in eine neue Etappe vorgegeben. In ihr soll ein Rat der Notenbankgouverneure als Vorstufe der künftigen EG-Zentralbank geschaffen werden.

Auch die Bundesbank beginnt, sich dieser Kompromißlinie anzunähern, will aber noch mehr Garantien dafür, daß alle Teilnehmer ihre Inflationsraten vermindern. Tatsächlich dürfen angesichts des politischen Zieles der vollen Währungsunion die Bedingungen nicht vergessen werden, die erst den Erfolg einer gemeinsamen Währung garantieren. Gleichwohl meinte Delors in Luxemburg optimistisch, Datum und Kriterien für die Einleitung der zweiten Phase stellten kein Problem mehr dar. Offenbar haben die integrationsbereiten Länder erkannt, daß man jetzt nicht durch einen überzogenen Streit über Details das Ziel der Währungsunion hinauszögern oder gar in Gefahr bringen sollte. Die Tatsache, daß der schwierige Partner Großbritannien an Gewicht gewonnen hat, könnte diese Solidarität gefördert haben. Thomas Hanke