Es gibt viele Gründe, die westdeutsche und ausländische Investoren zögern lassen, ihr Geld für Fabriken in der ehemaligen DDR auszugeben. Der Deutsche Industrie- und Handelstag (DIHT) hat fünfzehn Investitionshindernisse aufgezählt, von ungeklärten Eigentumsfragen bis zu ökologischen Altlasten. All diese Standortnachteile bedeuten nichts anderes als Kostennachteile im Vergleich zur Produktion in anderen deutschen und ausländischen Regionen.

Kommt zu diesen hinlänglich bekannten Handikaps für die verblichene DDR ein überaus gravierendes hinzu, nämlich allzu hohe Löhne und Gehälter? Eben dies befürchten Unternehmer beiderseits der Elbe seit den ersten frei ausgehandelten Tariferhöhungen in Ostdeutschland.

Für bundesdeutsche Betrachter zeitigten diese Tarifrunden – je nach Standpunkt – traumhafte oder alptraumhafte Ergebnisse: Die Tarifeinkommen stiegen um 15 bis 72 Prozent, und das bei längerem Jahresurlaub und einer Verkürzung der Wochenarbeitszeit um bis zu drei Stunden. Vergleichbare Abschlüsse hat es in der Bundesrepublik nie gegeben.

Es liegt also auf der Hand, daß die Arbeitgeber namentlich im deutschen Westen über diese Zahlen erschrocken waren. Mit entsprechendem Wachstum der Produktivität seien solche Abschlüsse nicht zu rechtfertigen, argumentieren sie. Deshalb müßten derart unmäßige Lohn- und Gehaltserhöhungen mit wachsender Arbeitslosigkeit bezahlt werden, weil viele Jobs unrentabel würden.

Prinzipiell ist dieser Kausalzusammenhang zwischen Lohnhöhe und Beschäftigung nicht zu leugnen. Durfte aber das zu erwartende Produktivitätswachstum Maßstab sein für die so heftig kritisierten Tarifabschlüsse? Die Gewerkschaften, die hohe Lohnsteigerungen brauchten, um den Ruf als Sachwalter der Arbeitnehmerinteressen im Osten Deutschlands zu erwerben, meinen nein, und sie haben in diesem Punkte recht. Auch in der alten Bundesrepublik war die Produktivität nie alleinige Richtgröße für Tariferhöhungen. Hinzu kamen immer ein Teuerungsausgleich und bei starker Verhandlungsposition der Arbeitnehmer außerdem ein Umverteilungszuschlag. Diese beiden Komponenten spielten denn auch die entscheidende Rolle bei den jüngsten Tarifabschlüssen.

Die Gewerkschaften antizipierten die durch den Wegfall vieler Subventionen vor allem für Lebensmittel befürchteten Preissteigerungen, die höheren Sozialabgaben und steigenden Lohnsteuern, die mit Einführung der Marktwirtschaft allseits erwartet wurden. Und sie verwiesen auf die Entlastung der Unternehmen, die diesen durch die Befreiung von allerlei Abgaben des alten zentralistischen Systems zuteil würde – geschätztes Volumen: gut hundert Milliarden Mark. An dieser Verteilungsmasse, so die Gewerkschaften, sollten die Arbeitnehmer partizipieren.

Die Lohnerhöhungen sollten die Realeinkommen der Arbeitnehmer sichern und einen Anreiz bieten, in der ehemaligen DDR zu bleiben, anstatt in den goldenen Westen überzusiedeln. Die Notsituation der Betriebe könne in diesem Fall kein Maßstab für die Tarifhöhe sein, so die Argumentation.