Kanzler Helmut Kohl läßt sich von Wissenschaftlern bescheinigen, daß die deutsche Einheit keine Opfer kostet

Herausforderung, Pflicht, Engagement – solche Begriffe benutzt Helmut Kohl gerne, zumal wenn die Creme der deutschen Wirtschaft um ihn ist. Zum dritten Mal seit Beginn des Jahres hatte der Bundeskanzler Anfang dieser Woche Spitzenmanager und Verbandschefs geladen, um sie in die Pflicht zu nehmen und zu mehr gesamtdeutscher Dynamik zu ermahnen. Seelenmassage heißt so etwas, und von Zeit zu Zeit scheint sie nützlich, schon um via Fernsehen den Bürgern zu demonstrieren, daß sich die Verantwortlichen ihrer Verantwortung auch bewußt sind.

Um so besser, wenn man dann gleich noch ein Gutachten vorzeigen kann, das die deutsche Einheit als "Gewinn für uns alle" verheißt. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat es verfaßt, und seine Schlußfolgerung ist eine wahre Freude für Regierende, Sozialpartner und Steuerzahler. Sie alle dürfen erfahren, daß die Mark stabil bleibt, daß ein vereinigungsbedingter starker Wirtschaftsaufschwung mit neuen Arbeitsplätzen und hohen Steuereinnahmen bevorsteht und daß sich die deutsche Einheit zum großen Teil selbst finanziert. Mit anderen Worten: Höhere Steuern sind überflüssig.

Vor kurzem, auf dem Hamburger Parteitag der CDU, hatte Helmut Kohl noch von unvermeidlichen Opfern gesprochen, die wir alle bringen müßten. Wenn nun aber ein wissenschaftliches Gutachten unter "plausiblen und vorsichtigen Annahmen" zu dem Schluß kommt, daß die deutsche Einheit uns bis zum Jahr 2000 gar ein "Überschußpolster" bescheren wird, dann müßte sich der Kanzler eigentlich vom geballten Sachverstand der Experten überzeugen lassen. Die Perspektive ist schließlich zu schön ...

Das Kölner IW hat in den vergangenen Monaten unbestreitbar kompetente und äußerst hilfreiche Dokumente über die DDR und die Probleme eines Wechsels vom Sozialismus zum Kapitalismus publiziert. Doch das Institut wird von den deutschen Unternehmen finanziert, da darf man zu kontroversen Diskussionen in der Öffentlichkeit wohl keine überraschenden "Forschungsergebnisse" erwarten. Wo Meinung gefragt ist, muß sie demjenigen Argumentationshilfe bieten, der seinen Obolus entrichtet hat.

Das ist beileibe nichts Anrüchiges, jedes Gewerkschaftsinstitut, jede Parteistiftung würde sich aus einsichtigen Gründen genauso verhalten. Wenn jetzt allerdings das Presse- und Informationsamt in Bonn mit dem Gutachten des IW hausieren geht, um gute Stimmung beim mißgelaunten Publikum zu machen, dann darf man das getrost als Wahlkampfhilfe betrachten und das Attribut "wissenschaftlich" streichen. So und nicht anders war die Bestellung schließlich gedacht.

"Die Bewertungen und Berechnungen der Gutachter decken sich", so erklärte Regierungssprecher Hans Klein nach dem Spitzengespräch im Kanzleramt, "fast nahtlos mit den Erfahrungen und Erwartungen der Praktiker." Wie schön für die letzteren, daß ihnen ihr eigenes Institut nicht widerspricht. Sie waren denn auch in so guter Laune, daß sie dem Bundeskanzler versprachen, binnen zwei Wochen hundert tüchtige Manager für die Stärkung der Berliner Treuhandanstalt abzustellen. Mehr konnte Kohl nicht erwarten.

Und die Sache mit den Opfern, die wir vor zwei Wochen noch für die Einheit bringen sollten? Die wird ohnehin erst nach der Bundestagswahl geregelt – ungeachtet aller Gutachten. Klaus-Peter Schmid