Von Ernst Ulrich von Weizsäcker

Die Marktwirtschaft ist dem Sozialismus überlegen. Sie ist effizienter. Auch beim Umweltschutz. Das glauben wir spätestens, seit wir die Umwelttragödie in Osteuropa in Augenschein nehmen können.

Es gibt aber noch eine größere Umwelttragödie. Sie spielt sich vor allem in der Dritten Welt ab. Und bei ihr ist der Markt mitschuldig, vielleicht sogar hauptschuldig: Der Weltmarkt ist der stärkste Hebel zur Plünderung der Natur in den Entwicklungsländern.

Stellen wir uns zwei Länder vor, "Veluguay" und "Bracozuela". In Veluguay fressen sich pestizidgetränkte Plantagen in die Reste des Naturwaldes hinein, werden ganze Landschaften dem Erztagebau ohne jede Rekultivierung geopfert und kommen praktisch keine Luft- und Gewässerschutzgesetze zur Anwendung. In Bracozuela dagegen herrscht ein ökologisches Regime, jedoch mit der Folge, daß die bracozuelanischen Produkte dreißig Prozent teurer sind als die aus Veluguay. Welches der beiden Länder wird auf dem Weltmarkt Erfolg haben? Natürlich Veluguay. Denn der Preis und nicht die Umwelt ist das, was die Einkäufer aus dem Ausland interessiert. Veluguay betreibt "Umwelt-Dumping". Aber das ist nicht verboten.

Grundsätzlich ist dieses Problem nicht auf Entwicklungsländer beschränkt. Aber wenn Spanien oder Deutschland Umwelt-Dumping betreiben würden, hätten sie alsbald ein EWG-Vertragsverletzungsverfahren am Hals – wegen Nichteinhaltung von EG-Richtlinien. Und die europäische Öffentlichkeit würde das Ihrige dazu tun, daß sich gröblicher Umweltraubbau geschäftlich nicht auszahlt.

Im Weltmaßstab gibt es noch nichts Vergleichbares. Die Herkunftspfade der meisten Waren sind aber auch so verschlungen, daß wir (außer vielleicht bei Elfenbein oder Tropenhölzern) gar nicht wüßten, was wir verdammen oder boykottieren sollen. Und so geht der Raubbau mit rasender Geschwindigkeit weiter. Um nur eine Zahl zu nennen: Dreitausend Quadratmeter Wald werden pro Sekunde vernichtet! Und niemand kommt dafür vor Gericht.

Es gibt zwar ein Regelwerk gegen das Dumping auf dem Weltmarkt, Gatt, das allgemeine Zoll- und Handelsabkommen, das in Artikel VI das Dumping verbietet. Aber Umwelt-Dumping war noch kein Thema, als Gatt 1947 entstand. Und auch die ersten acht Runden der Vertragsergänzung, zuletzt die Kennedy-Runde, die Tokio-Runde und die Uruguay-Runde (die Ende 1990 zum Abschluß kommen soll), haben dem Thema Umwelt noch keinen Eingang in das Gatt verschafft.