Wer Vögel beobachten will, muß hinaus ins Freie gehen, Exkursionen machen, und die günstigste Zeit dafür ist die allererste Morgenstunde, da ist man noch frei von des Tages Last, den Fesseln des Berufs, und um sieben oder acht Uhr kann man schon wieder zurück sein." So die Empfehlung in einem Vogelbuch aus dem Jahre 1917. Der Rat gilt auch heute noch, doch wer Spatzen beobachten will, kann ihn vergessen, er kann getrost des Mittags in die Stadt und seinen Geschäften nachgehen, die schilpenden "Stadtstreicher" sind überall und zu jeder Stunde anzutreffen, solange es hell ist.

Der richtige Name des Spatzen ist Sperling. In Deutschland gibt es den Haus- und Feldsperling. In vielen Dörfern sind beide Arten anzutreffen, doch sind sie für den Laien schwer zu unterscheiden. Der Haussperling wiegt etwas mehr als dreißig Gramm, das Weibchen ist schlanker und kleiner und weniger schön gezeichnet als das Männchen, das einen schwarzen Latz und einen dunklen Augenstrich hat. Das Gefieder ist graubraun, oft gestrichelt mit einem weißen Fleck auf den Schwungfedern.

Der Feldsperling ist etwas kleiner, beide Geschlechter sind gleich gefärbt, sie haben einen schwarzen Backenfleck, an Kopf und Nacken geht das Federkleid ins Rötliche über. Der Hausspatz baut sein Nest in Mauernischen, in Höhlen, Nistkästen, auch in Schwalbennestern. Es ist eine Anhäufung von Fasern, trockenen Halmen, Federn und mancherlei Abfällen und sieht recht schlampig aus. Auch der Feldsperling baut sein Nest in Höhlen und Nistkästen, aber er schmückt es mit bunten Fäden und mit Blumen. Es sind schon Nester gefunden worden, an deren Rand welke Hortensien hingen. Doch ob geschmückt oder nicht, im Sperlingsnest liegen von April bis zum Spätsommer in der Regel drei Brüten mit jeweils vier bis sechs Eiern.

Das Weibchen brütet, und nach zwei Wochen schlüpfen die Jungen, die dann noch gut zwei Wochen im Nest bleiben. Schon während dieser Zeit geht oft die Hälfte der Brut verloren: Offenbar drängen die stärkeren ihre schwächeren Geschwister schon in den ersten Tagen aus dem Nest, wenn die Vögel noch nackt sind.

Sperlinge sind Allesfresser, nehmen am liebsten aber Samen und noch nicht ausgereifte Getreidekörner. Aus diesem Grunde war der Sperling den Bauern so verhaßt wie die Feldmaus, er war eine Plage; daß er aber auch Insekten vertilgte, Schädlinge an den Pflanzen, nahm man nicht zur Kenntnis. Wie anpassungsfähig der Spatz ist, kann man an warmen Tagen in den Städten beobachten, wenn er vom Kühlergitter der parkenden Autos die toten Mücken, Fliegen und sonstiges Getier abpickt. Früher pickte er in Pferdeäpfeln herum.

Der Name des Sperling, der ein schlechter Flieger ist, am Boden hüpft und nicht läuft, kommt aus dem Mittelhochdeutschen, wo "spar" soviel heißt wie zappeln. Vor allem in der Balzzeit ist dies Zappeln zu beobachten, wenn die Männchen Brust an Brust sich ineinander verkrallen und dann zappelnd zu Boden stürzen.

Der Sperling, oft in Völkchen zusammenlebend, ist ein immerwacher Vogel, der vor allem auf Geräusche reagiert. Wenn im Haus eine Tür zuschlägt, fliegt die Spatzenschar vom zwanzig Meter entfernten Futterhaus sofort weg, während Dompfaff und Finken ungerührt weiterfressen. Das schließt nicht aus, daß er, wenn ihm keine Gefahr droht, zutraulich, ja zudringlich wird, in Biergärten etwa und überall dort, wo es Brot- und Kuchenkrümel gibt. Auf einer Terrasse an der Donau habe ich beobachtet, daß junge Hausspatzen von den Weibchen noch dann angeleitet werden, wenn sie schon größer sind als die Mutter. Die Weibchen nahmen Brotkrümel aus der Hand, die Männchen waren scheuer und achteten auf Distanz.