Um es gleich zu sagen – es war Zufall und nicht intime Kennerschaft der Stadt Lissabon, die uns zu den Fado-Sängern führte. Beim Abendspaziergang im Bairro Alto sahen wir im Vorbeigehen einen Gitarrenspieler in einer Spelunke.

Der Fado, die urportugiesische Art, seinen Gefühlen Luft zu machen, wird gerne zum unerklärbaren Phänomen stilisiert. Man kultiviert ihn, auch der Touristen wegen, in zahlreichen eigens darauf spezialisierten Lokalen. Aber es ist ein Glücksfall, einmal zu erleben, wie Fado ohne Eintrittsbillett gesungen wird.

Wir betreten die Kaschemme. Der ältliche Gitarrenspieler, den Scheitel zwei Finger breit, akkurat und waagerecht über dem linken Ohr gezogen, wärmt sich mit ein paar lockeren Sprüchen auf, greift ein paar Akkorde, ergänzt, was ihm an Fingerfertigkeit fehlt, mit einem schwungvollen Didadadida. Der Sänger – schwarze Locken, tiefbraune Augen – stößt sich vom Tresen ab, rammt die Hände in die Taschen, daß die Hose schier platzt, und beginnt mit voller, leicht tremolierender Stimme zu singen: von seiner Liebe, von seinem schäbigen, geliebten Wohnviertel; alles kommt aus tiefstem Herzen, und am Ende weiß man nicht mehr, ob er die Frau oder die Stadt meint. Bei hohen Tönen schwillt seine Halsschlagader gewaltig an, und wie zur Unterstützung der Tonlage reckt er sich auf die Zehenspitzen.

Die Tür zur Straße steht offen. Zu den zwölf, dreizehn Gästen kommt schnell noch ein gutes Dutzend dazu, dann ist die Kneipe schon voll. Ein weiterer Sänger steht auf und singt von einer Liebe, die kein gutes Ende genommen hat, und ebenfalls von seinem geliebten Stadtviertel. Und wie der erste Sänger erhält auch er stürmischen Beifall.

Zwischen den Liedern macht der Gitarrenspieler den Conferencier, befiehlt barsch den Kanarienvögeln in ihren Käfigen an der Wand zu schweigen. "Für mich einen Roten", sagt er zur Wirtin und bekommt statt dessen ein Glas Wasser.

Ein Mann mit schmalen, hängenden Schultern und einer viel zu breiten Lederjacke löst sich aus dem Publikum, hängt die Daumen seiner riesigen Hände in die Hosentaschen und singt mit einer Stimme, so voll und wohlklingend, daß sie Gänsehaut verursacht: "Ich war von deinem Geld abhängig. Und ich verlangte von dir, ohne ein Recht zu haben, das, was die Natur von mir forderte." Das Publikum erstarrt. Keiner greift zum Glas, niemand zieht an der Zigarette.

Dann braust der Applaus auf. So hat noch keiner gesungen, scheinen die Gesichter auszudrücken, und selbst der Gitarrist unterläßt seine Späßchen und nickt nur vor sich hin, als wollte er sagen: "Das ist einer. So was erlebt man nicht alle Tage." Der Mann singt noch ein bittersüßes Willkommen der Einheimischen an die Touristen und verschwindet so unauffällig, wie er gekommen ist.