Ob ein paar Provinzen mehr oder weniger zu Deutschland gezählt werden, darauf kommt es nicht an, wenn wir nur in nachbarlicher Ruhe zusammenleben." Diesen grundvernünftigen Satz schrieb August von Kotzebue im Jahre 1814, auf dem Höhepunkt der sogenannten "Befreiungskriege", als der Nationalismus in den deutschen Territorien erstmals hohe Wellen schlug. Inmitten der aufgeputschten Leidenschaften fand die besonnene Stimme des Dramatikers, der 1819 dem Attentat eines jungen Fanatikers zum Opfer fiel, kein Gehör. Möglichst groß, möglichst stark sollte der anvisierte deutsche Nationalstaat sein, alle, die der deutschen Sprache mächtig waren, vereinen; von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt sollten sich seine Grenzen erstrecken. Das kleindeutschpreußische Kaiserreich von 1871 hat diese großdeutschen Träume nicht erfüllt, doch war es, als das Kraftzentrum in der Mitte Europas, anscheinend immer noch zu groß, um "nachbarliche Ruhe" zu halten. Das Ergebnis dieser Ruhelosigkeit ist bekannt.

Zu einem Zeitpunkt, da die beiden Nachfolgestaaten, die aus der Trümmermasse des gescheiterten deutschen Nationalstaats hervorgegangen sind, zu neuer Einheit zusammenfinden, erscheint ein Buch gerade recht, dessen Beiträge uns daran erinnern, wie sehr das, was wir "Deutschland" nennen, im Laufe der Geschichte Wandlungen unterworfen war. "Kein irgendwann erreichter territorialer Zustand ist allen Wünschen gerecht geworden, so daß er es verdient hätte, als jenes ideale Deutschland ausgezeichnet zu werden, dessen Verwirklichung der Sinn aller früheren Geschehnisse gewesen wäre, dessen Wiederherstellung die Aufgabe aller künftigen Bestrebungen sein müsse." So faßt Herausgeber Alexander Demandt seine einleitenden Überlegungen über die Grenzen in der deutschen Geschichte zusammen. Daher – so heißt es weiter – empfehle es sich auch nicht, den Begriff "Deutschland" an eine bestimmte Phase deutscher Territorialgeschichte oder eine bestimmte räumliche Vorstellung zu binden, sondern ihn vielmehr unter dem Gesichtspunkt der Veränderung zu betrachten.

Genau dies unternehmen die Autoren der Einzelbeiträge. In gut lesbar geschriebenen Überblickkapiteln zeichnen sie die Entwicklungsgeschichte der deutschen Grenzen von der Spatantike bis in die Gegenwart nach. Druck und Gegendruck, Spannung und Ausgleich haben sich – wie gezeigt wird – an den vier Außengrenzen auf ganz unterschiedliche Weise ausgeprägt. Jede der vier Grenzen hat ihre eigene bewegte Geschichte, die bewegteste zweifellos, der westöstlichen Expansionsrichtung der deutschen Geschichte folgend, die im Osten.

In einem instruktiven, im Blick auf die immer noch nicht ausgestandene Debatte um die deutsch-polnische Grenze höchst aktuellen Aufsatz beschreibt Klaus Zernack, wie seit der deutschen Ostsiedlung im Hochmittelalter Vorstößen nach Osten immer wieder Verschiebungen nach Westen folgten, am extremsten im 20. Jahrhundert. Der preußisch-deutsche Machtstaat setzte Deutschlands Ostgrenze in wenigen Jahrzehnten einer gefahrvollen Dynamisierung und Überdehnung aus. Der Versuch der wilhelminischen Führungsschichten, im Ersten Weltkrieg die phantastischen Visionen einer deutschen Ostraum-Hegemonie zu verwirklichen, führte nach der Niederlage von 1918 zu einer Rückverlagerung der deutsch-polnischen Grenze ungefähr auf eine Linie, entlang derer sich im 14./15. Jahrhundert die dauerhafteste Staatsgrenze in der Geschichte beider Länder ausgebildet hatte.

Doch die Weimarer Revisionspolitiker weigerten sich, diese Grenzlinie als zukunftsträchtigen Kompromiß zu akzeptieren. Die Folge war eine letzte mörderische Übersteigerung deutscher Ostexpansion im Zweiten Weltkrieg und – wiederum als radikaler Gegenschlag – die Vertreibung der Deutschen aus Ostmitteleuropa. Am Ende des zweiten Jahrtausends verläuft die Ostgrenze des neugeeinten Deutschlands ungefähr dort, wo die deutsche Geschichte im 10. Jahrhundert einmal begonnen hat.

Vielleicht ist damit ja endlich ein Zustand erreicht, wie ihn der Geograph August Zeune bereits in seinem Buch über "Teutschlands Einheit" aus dem Jahre 1808 als wünschenswert beschrieben hat: Das "Herz des gebildetsten Erdtheils der Welt" – so sein Vorschlag – solle sich selbst "die Gestalt eines Herzens" geben, das heißt, freiwillig sich auf ein Gebiet zwischen Rhein und Oder beschränken. Hierdurch könne "das seit Jahrhunderten veränderte und immer geplagte Vaterland" endlich "Festigkeit und Ruhe erlangen". Niemand brauchte sich mehr vor einem auf seine "Urgestalt" reduzierten "Teutschland" zu fürchten, weil es nicht mehr über seine "Mark" hinausdrängen werde. Vielmehr könne es als "fest geschlossenes und abgerundetes Ganzes" nunmehr zum Ort des Friedens werden, "segensvoll für seine Nachbarn, für Europa, ja für die Welt".

Volker Ullrich