Im Eiltempo und ohne Rücksicht auf Verluste wurde der ostelbische Großgrundbesitz aufgeteilt

Von Wolfgang Zank

Der Park des Gutes Rathenow im Kreis Ruppin, Mark Brandenburg, war festlich geschmückt. Musik erklang. Etwa 300 Menschen, hauptsächlich Bodenbewerber mit ihren Familien und Bauern aus dem Dorfe, hatten sich zu einer Versammlung eingefunden. Die neue Obrigkeit war durch den brandenburgischen Innenminister Bernhard Bechler, einen ehemaligen Berufsoffizier und Mitglied des Nationalkomitees Freies Deutschland, vertreten, außerdem durch den Landrat Jerks. Ebenfalls anwesend waren Repräsentanten der Kreisleitungen von KPD und SPD, Journalisten sowie Pfarrer Müller aus Wusterhausen. An jenem Sonntag Ende September 1945 sollte das zuvor enteignete Gut als eines der ersten im Rahmen der Bodenreform feierlich unter landarmen Bauern, Landarbeitern und Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten aufgeteilt werden.

52 Personen hatten sich um Boden beworben, und 46 Anträge waren von einer Gemeindekommission befürwortet worden, die man neun Tage vorher in einer Dorfversammlung gewählt hatte. Entsprechend den Richtlinien der Provinzialverwaltung sollten in erster Linie landarme Bauern bedacht werden. Sechs Anträge wurden abgelehnt, darunter die Bewerbung eines Nazi-Aktivisten und ein Antrag der enteigneten Besitzerin, Frau von Rathenow.

Auf einer ausgehängten Karte war die Fläche des Gutes in numerierte Grundstücke zu durchschnittlich fünf Hektar eingeteilt. Zwei kleine Mädchen zogen Lose. Erst wurden die Zulagen für landarme Bauern von durchschnittlich drei oder vier Hektar verlost, dann kamen die Neusiedlerstellen mit fünf Hektar an die Reihe. Landrat Jerks teilte die künstlerisch gestalteten neuen Besitzurkunden aus. Nach der Verlosung begaben sich die Anwesenden aufs Feld, wo Landmesser die Parzellen aufzuteilen begannen. Anschließend sprach Pfarrer Müller:

"Ich bin einer von denen, die wissen, was es für den Landmann heißt, landlos zu sein. Ich freue mich mit Euch über Euern neuen Besitz, daß Ihr jetzt eine neue Heimat gewonnen habt. Uns stehen große Schwierigkeiten bevor, die wir überwinden müssen. Darin müssen wir einander helfen. Einheit gibt uns Kraft und Mut, es steht uns harte Arbeit bevor. Wir werden es schaffen und gemeinsam ein neues demokratisches Deutschland aufbauen."

Ähnliche Szenen spielten sich im September und Oktober 1945 in vielen Orten der Sowjetischen Besatzungszone ab. Zwischen dem 3. und dem 10. September 1945 waren in den fünf Ländern der Zone Bodenreformverordnungen erlassen worden. Danach waren der Grund und Boden von Kriegsverbrechern und aktiven Nazis sowie der gesamte Großgrundbesitz über hundert Hektar zu enteignen und an Landarbeiter, landarme Bauern und "Umsiedler" aus den Ostgebieten zu verteilen.