Von Joachim Nawrocki

Berlin, im Oktober

Dahme, eine Kleinstadt hundert Kilometer südlich von Berlin. Von den am kommenden Sonntag stattfindenden Landtagswahlen ist wenig zu spüren. Am Ortsausgang eine Stelltafel mit Plakaten des SPD-Spitzenkandidaten Manfred Stolpe, besprayt mit einem Hakenkreuz und der Aufschrift "Republikaner". Das wär’s, der recht gut erhaltene Ort liegt in sonntäglicher Stille.

Die Wilhelm-Pieck-Straße heißt wieder Hauptstraße, der Thälmannplatz wieder Töpfermarkt; das ist den Leuten wichtig. Drei Kilometer weiter das Dorf Rosenthal, ganz ungewöhnlich gepflegt und intakt, bis auf einen Kindergarten auch freigehalten von den Verunstaltungen sozialistischen Bauens; die LPG-Ställe stehen weitab und gut verborgen. Die Menschen hier haben sich immer ferngehalten von der Politik. Die Nazis konnten im Dorf nicht Fuß fassen, die SED auch nicht. Kein einziges Plakat hängt hier. Am Anschlagbrett der Gemeinde die Mitteilung, daß der Gemeindeschwester gekündigt werden mußte und daß dies eine der unerfreulichen Seiten der Vereinigung sei, die man aber tragen müsse – das ist der einzige Hinweis auf die Veränderungen im Lande.

In anderen märkischen Städten wie Zossen, Wünsdorf, Baruth oder Luckau ist das Bild nicht sehr viel anders. Wahlplakate klebten vor allem die SPD – "Manfred Stolpe wählen" – und die CDU – "Zukunft für Brandenburg, Dr. Peter Michael Diestel" oder Ja zu Deutschland, Ja zur Zukunft". Die Parolen entsprechen ganz den bundesrepublikanischen Platitüden. Ob damit die Wähler zu erreichen sind, muß bezweifelt werden, denn die haben ganz andere Sorgen. Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit, Renten, Mieten, Eigentumsansprüche, ärztliche Versorgung, die Stasi-Vergangenheit, die alten Seilschaften in Betrieben und Behörden, Umweltschäden – der graue Alltag liegt ihnen näher als die rosige Zukunft.

Der Wahlkampf bleibt ziemlich verhalten im Land Brandenburg, kämpferisch wirkt er jedenfalls nicht. Die SPD hat wenige Mitglieder und schon gar keine professionellen Politiker aufzubieten. Einen schlagkräftigen Kampf um Wählerstimmen und Plakataktionen zu organisieren fällt den Sozialdemokraten sichtlich schwer. Die CDU verfügt zwar über mehr Mitglieder, auch aus alter Zeit, aber nicht mehr über einen Landesvorsitzenden, nachdem der bisherige Kulturminister Herbert Schirmer zurückgetreten ist. Ihm war mangelndes Engagement für die Partei vorgeworfen worden. Im Grunde aber ging es bei diesem Streit um eine Auseinandersetzung zwischen der alten Blockparteien-CDU und der "erneuerten" CDU. Schirmer, schon früher in der CDU, dann aber beim Neuen Forum, nach vollzogener Wende jedoch wieder in der alten Partei, stand – naturgemäß – dazwischen. "Unser Landesverband ist gelähmt durch diese Querelen, die Konflikte sind nicht ausgetragen worden", meint ein CDU-Mann. Im November soll nun Lothar de Maizière zum Landesvorsitzenden von Brandenburg gewählt werden, aber für die Landtagswahlen kommt das zu spät.

So nimmt es nicht wunder, daß der Wahlkampf bei der Bevölkerung auf wenig Interesse stößt. Zu Veranstaltungen auf Marktplätzen oder in Kulturhäusern, die häufig nicht einmal richtig angekündigt sind, kommen selten mehr als fünfzig oder hundert Interessierte. Nur wenn Prominente aus Westdeutschland angesagt sind, wie der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt oder der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Johannes Rau (der dann gar nicht kam) oder am Dienstag dieser Woche Norbert Blüm an der Glienicker Brücke in Potsdam, erscheinen auch einmal mehrere hundert Wähler. Bundeskanzler Kohl lockt gar Tausende an, und was er – wie in Brandenburg – für Anti-CDU-Schreihälse hält, sind in Wahrheit Gegner von Peter-Michael Diestel, die sich den umstrittenen Ex-Innenminister nicht als Ministerpräsidenten oder Landesminister vorstellen können. Helmut Kohl jubeln alle zu, und manches an diesem Jubel klingt dann schon sehr schrill und national.