Andernach

Die Landesnervenklinik in Andernach am Rhein ist der zweitgrößte Arbeitgeber des Ortes. Über 4000 Patienten werden pro Jahr aufgenommen und entlassen. Doch in Andernach ist die Psychiatrie selbst Patient geworden.

Die Atmosphäre in der Klinik ist seit Monaten vergiftet. Es fehlt Personal, die Überforderung fuhrt dazu, daß sich viele Mitarbeiter krank melden oder kundigen. Einzelne Stationen mußten bereits geschlossen werden. "Wir stehen vor einem Kollaps", klagte der Personalrat schon im April. Dem Direktorium und der Pflegedienstleitung wird Mißmanagement vorgeworfen, angeklagt wird auch das Land Rheinland-Pfalz, Trager der Einrichtung.

Die Landesregierung in Mainz hat es in der Vergangenheit versäumt, ein Psychiatrie-Konzept zu erarbeiten, das die Versorgung gewahrleistet. Als die Bundesregierung 1980 bundesweit rund 500 Millionen Mark für ein Modellprogramm zur Förderung der außerklinischen Versorgung anbot, verschmähten die Rheinland-Pfälzer das Angebot. Das Sozialministerium hat zwar in diesem Jahr einen "Psychiatriebericht Rheinland-Pfalz" vorgelegt, der auf 171 Seiten aber keine Perspektiven eröffnet. Die psychiatrische Versorgung erinnert an Weinskandale: Es wird gepanscht.

Seit Monaten preisen Landespolitiker von CDU und FDP als Allheilmittel zur Sanierung der Landesklinik ihre "Entstaatlichung" und "Privatisierung". Die Landesnervenklinik Andernach soll in eine GmbH umgewandelt werden, deren Anteile "zunächst" vom Land gehalten werden sollen. Privatisierung aber würde, konsequent zu Ende gedacht, auch bedeuten, daß sich später ein Pharmakonzern einkaufen könnte. Denkwürdig an der Diskussion: Es wird mehr von wirtschaftlicher Effizienz als von einer menschennahen Psychiatrie gesprochen.

Die Landesnervenklinik ist ein akademisches Lehrkrankenhaus, besitzt eine Krankenhauspflegeschule und verwahrt kranke Straffällige (der sogenannte Maßregelvollzug kann nach dem Gesetz ohnehin nicht privat betrieben werden). Rund 750 Beschäftigte arbeiten in Andernach. Sie haben, nach Angaben der Gewerkschaft ÖTV, in den letzten Jahren einen finanziellen Überschuß von bald 800 000 Mark erwirtschaftet. Das nährt den Verdacht, daß es nicht nur um die wirtschaftliche Effizienz geht.

Ende August stimmte der Landtag einem CDU-Antrag auf Teilprivatisierung zu, sie wird nun in den Ausschüssen des Landtags beraten. Rheinland-Pfalz schleicht sich aus der Psychiatrie-Misere. Unfähig, ein landesweites Versorgungskonzept vorzulegen, wird damit begonnen, soziale Verantwortung zu privatisieren. Ernst Klee