Der Roman bietet ein Portrait des Kritikers als Griesgram und Schmerzensmann, Trunkenbold und armer Schlucker, hin- und hergerissen zwischen Minderwertigkeitskomplexen und Größenwahn, mit einer beachtlichen Furcht vor Frauen; die geistern vorzugsweise als hagere Schreckgespenster durchs Buch. Er ist dauernd unterwegs, von der Theaterpremiere zur Fernseh-Talkshow, von der Buchvorstellung zum Lesewettbewerb mit anschließendem Buffet, das mit der Maschinenpistole bedacht werden solle, denn es bedeute "eine Beleidigung der Hungernden in der Dritten Welt".

Das Geheimnis um die Natur eines frustrationsanfälligen Berufsstands wird in der komplizierten Dialektik von Literaturkritik und Sexualtrieb erforscht. Zu diesem Zweck wird ein Literaturpapst eingeführt, der Gilbert G. Prinz heißt, Augen hat "von einem unendlich sanften, gleichsam träumerischen Blau" und keinerlei Raumprobleme im Horten von Gegenwartsromanen und einer stattlichen Anzahl von Erotika im Nebenzimmer. Kurz: Bei seinem Versuch einer Satire auf das literarische Treiben im Westen verschont uns Rolf Schneider nicht mit den schrillsten Einfällen.

Boris Kliemann heißt einer von ihnen. Ein echter DDR-Dichter, mit proletarisch-revolutionärer Vergangenheit, zufällig der Vetter des Kritikers, just aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen, weil er in "Hotel Lux" den Stalinismus anprangerte. Nun ist er im Westen, ein genialischer Kraftkerl, erst herumgereicht von den westlichen Medien, dann fallengelassen, weil er nicht mehr das richtige politische Futter hergab. Der Kritiker spricht: "Bücherwelt ist Warenwelt. Die hat ihre Eigenheiten. Eine davon ist, daß man die Leute programmieren muß, deine Bücher zu kaufen, denn es gibt hundert andere Anlässe für sie, ihr Geld auszugeben." Sehr richtig. Wo fängt die Parodie an, wo hört sie auf? Man weiß es bei dieser Prosa nie so genau.

Des Kritikers Engagement für den Vetter hilft freilich nichts. Das rülpsende Ungeheuer mit einem "riesigen weißen Schwanz" geht mit dessen ehemaliger Frau fremd, ausgerechnet zu Weihnachten, und schwängert auch noch die gemeinsame Tochter. Am Ende dann flieht der Dichter als Sündenbock und Märtyrer in einer Person zur Grenze und verblutet in den Fängen des Stacheldrahts. Der Kritiker und Herr Prinz geben eine Gesamtausgabe der Werke Boris Kliemanns heraus.

Eines vergaß Rolf Schneider bei seinem furchtlosen Sittengemälde des westdeutschen Literaturbetriebs: die Praxis mundgerechter Klappentexte aufs Korn zu nehmen. Aber wer parodiert schon gerne seinen eigenen Verlag? Der Zsolnay Verlag jubelt: "Der Roman ist eine brillante Auseinandersetzung mit der Großkritik und dem herrschenden Literaturbetrieb." Ach, wenn er das doch wäre! Hajo Steinen

  • Rolf Schneider:

Jede Seele auf Erden

Roman; Paul Zsolnay Verlag, Wien 1990; 214 S., 29,80 DM