Von Vera Graaf

Professor Alan Dershowitz sitzt hinter seinem Harvard-Schreibtisch und hätte allen Grund, sich gestreßt zu zeigen: Am Telephon berichtet er einem Reporter von seinem bevorstehenden Vortrag in Moskau. Mit halbem Ohr lauscht er der Sekretärin, die ihn daran erinnert, daß er morgen nach Toronto muß. Die Finger der linken Hand riffeln durch die Papiere für die Nachmittagsvorlesung. Auf dem Schreibtisch türmen sich Memos, Seminararbeiten, Anfragen von Menschen, die sich von ihm Hilfe für rechtliche Probleme erhoffen.

Der Professor, zierlich und hemdsärmlig, zeigt keinerlei Anzeichen von Überforderung. Mit der großen Brille, der ziemlich unbescheidenen Nase über dem Schnauzbart und dem Wuschelkopf wirkt er weniger wie der brillante Anwalt des Claus von Bülow, der Patti Hearst oder des Anatoly Sacharansky, als vielmehr wie Groucho Marx, der aus Versehen in Amerikas Elite-Universität gelandet ist. "Ich bin der einzige ‚jüdische‘ Jude hier", witzelt Dershowitz, "die anderen haben sich alle assimiliert."

Eine Spur von Brooklyn-Akzent erinnert daran, wo Amerikas berühmtester Berufungsanwalt 1939 als Kind orthodoxer Juden zur Welt kam. Brooklyn ist zwar von Harvard nur eine Flugstunde entfernt, doch liegen dazwischen Welten, die mit sozialer Klasse, Religion und Tradition zu tun haben – Welten, die nur wenige überbrücken können oder wollen.

Das kultivierte Understatement der Universität, ihre kühle, distanzierte Aura von Macht sind für ihn geradezu eine Herausforderung – er wird hier jüdischer als je zuvor. Seine Bürotür hat er, für jeden sichtbar, mit antisemitischer "Haßpost" bepflastert. Jemand schickte eine halbverbrannte jüdische Flagge "mit besten nationalsozialistischen Grüßen". Ein anderer schreibt an Professor Alan Dershowitz: "Warum geht ihr nicht alle wieder zurück nach Israel oder zur Hölle?"

Dershowitz geht lieber nach Toronto; dort hat die verfilmte Version seines Buches "Die Affäre Sunny von B.", das in diesen Tagen auf deutsch erscheint, Premiere. Der Autor will prüfen, ob Jeremy Irons als Claus von Bülow, Glenn Close als Sunny und Ron Silver als Alan Dershowitz auf der Leinwand überzeugen.

Ein Fall wie aus dem Film: 1981 war Bülow angeklagt und zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Die Richter waren überzeugt, daß er seine schwerreiche kranke Frau Sunny mit einer Insulin-Injektion umzubringen versucht hatte. Daraufhin hatte Bülow sich 1982 an Alan Dershowitz gewandt, den "Anwalt der letzten Zuflucht". Das zweite Verfahren, in dem Dershowitz als Stratege hinter den Kulissen fungierte, endete mit einem Freispruch für den Ehemann; stattdessen fiel ein schiefes Licht auf Sunnys Kinder aus erster Ehe, die offenbar die Drogen- und Medikamentensucht ihrer Mutter, die immer noch im Koma liegt, vertuschen und ihren Stiefvater ins Messer laufen lassen wollten. Daß ausgerechnet der steife Aristokrat Claus von Bülow sein Klient wurde, fasziniert Dershowitz noch heute. "Mit Leuten wie mir, die ihre Leidenschaften offen zur Schau tragen, hatte er noch nie zu tun gehabt. Er stammte aus einer völlig abgeschirmten, tödlich langweiligen Society-Welt."