Geprägt von unserer Vergangenheit, deren Bewältigung uns täglich beschäftigt, stürzen wir uns auf die neue. Noch einmal das Ganze. Jetzt halt nicht Nazis, jetzt halt die Stasi, in unserer altbewährten Gründlichkeit. Darin sind wir gut, darin sind wir Meister, wir im Westen. Wir räumen auf bei Euch, kein Problem, wir räumen auf in allen Bereichen, laßt uns nur machen ... Wir werden ein starkes, ein mächtiges Land werden, eines, das sich blicken lassen kann. Mir ist nicht wohl dabei. Nie hatten wir ein sonderliches Selbstbewußtsein, nie ein ausgeprägtes Selbstwertgefühl. Und plötzlich, von einem Tag auf den anderen, sind wir der staatlich verkörperte Selbstwert."

Dem Rheinischen Merkur/Christ und Welt verdanken wir diesen bemerkenswerten Text, einen offenen Brief an einen polnischen Freund, der hier nur in Auszügen wiedergegeben ist. Er stammt aus der Feder einer Bonner Verlagslektorin, die gesteht, sie habe – leider – der Mantel der Geschichte in diesen Vereinigungstagen nicht gestreift. Der Name der Autorin ist Beatrice von Weizsäcker. Bemerkenswert ist der Text nicht, weil sie die Tochter Richard von Weizsäckers ist, sondern weil er etwas zu kurz Gekommenes zur Sprache bringt und eine hochmütige westdeutsche Attitüde aufspießt. Darum dieser Hinweis. Respekt.

Dem Bonner General-Anzeiger kann man kaum verdenken, daß er parteiisch ist im Streit um Berlin oder Bonn. Aber ein starkes Stück ist es dennoch, dem 65jährigen Chefredakteur Friedhelm Kemna, der das Blatt ja nicht unreputierlich und nicht illiberal verwaltet hat, fristlos zu kündigen, nur weil er eine gewisse Präferenz für Berlin nicht verborgen hat.

Er habe nicht überzeugend genug dafür gestritten, so wird die Verlagsmeinung kolportiert, das einzige Bonner Unternehmen von Rang, die Bundesregierung und das Parlament, für die Stadt zu erhalten. Das und ein Kemna-Kommentar zu einer Umfrage über Hauptstadt und Regierungssitz soll der Grund zum Rausschmiß gewesen sein. Das alles hört sich schon verflixt provinziell an, ganz gewiß ein Argument gegen Bonn.

Brav im Sinne des Bonner Verlegers sucht die Redaktion der Lokalzeitung weiter nach Stimmen pro Bonn. Jetzt hat sie Golo Mann entdeckt. Die Bundesrepublik, argumentiert er, gehöre zum Westen. Jetzt aber liege Deutschland nicht mehr so einfach im Westen, sondern wieder mehr in der Mitte. "Dies in der Mitte liegen, praktisch gesprochen, mit den Völkern des Ostens, vor allem mit den Russen einen mit der Zeit immer gewichtigeren Handel zu treiben, gleichzeitig aber dem Westen, auch ihm, den USA wie Europa treu zu bleiben, dafür braucht es den Entschluß, aller Welt hörbar wie ein Trompetenschall: Bonn bleibt unsere Regierungsstadt."

Mit Golo Mann kann der Verleger nun wirklich zufrieden sein. Das wird die Lokalpatrioten den Schmerz ein wenig vergessen lassen, den es gewiß bereitet hat, als sie den Untertitel des General-Anzeigers verändern mußten. Am 2. Oktober hieß es da noch: "Unabhängige Tageszeitung für die Bundeshauptstadt". Seit dem 3. Oktober steht dort: "Unabhängige Tageszeitung für Bonn".

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