Von Herfried Münkler

Prägend für Generationen von Renaissanceforschern hat Jakob Burckhardt den Menschen der Renaissance als ein Sinnbild der Selbstmächtigkeit dargestellt, als einen, der Herr seines Schicksals ist und dies auch sein will. Im Gegensatz zum Menschen des Mittelalters, so Burckhardt, vertraute der Mensch der Renaissance sein Geschick nicht länger Gott an, sondern nahm sein Schicksal in die eigenen Hände.

Liest man nun in dem von Eugenio Garin herausgegebenen Sammelband über den Menschen der Renaissance, so stellt sich heraus, daß aus Sicht der heutigen wissenschaftlichen Debatte von dem Menschen der Renaissance nicht mehr die Rede sein kann. Es sind viele, zumal verschiedenartige Gestalten, die hier Revue passieren, und es sind nicht bloß Männer, sondern auch bemerkenswert viele Frauen darunter. Dies übersehen zu haben, wird man Burckhardt freilich nicht zum Vorwurf machen können: Schon er hatte die bedeutsame Rolle erkannt, die Frauen in der Kultur der Renaissance gespielt haben, und hatte in seiner immer noch faszinierenden Darstellung der Renaissancekultur in Italien sichtbar werden lassen, in welchem Maße Frauen diese Kultur geprägt haben.

Aber unterscheidet sich dadurch die Renaissance vom Mittelalter, ist die nicht unerhebliche Rolle der Frau etwas kulturhistorisch Neues? Damit ist die entscheidende Frage bereits erreicht, die den gesamten Band durchzieht, ohne daß sie freilich klar beantwortet würde: Was eigentlich unterscheidet die Renaissance vom Mittelalter? Für Burckhardt war diese Frage leicht zu beantworten: Die Renaissance unterschied sich vom Mittelalter durch das grundlegend veränderte Selbstverständnis und Selbstbewußtsein des Menschen, wobei Burckhardt den Menschen der Renaissance vom Menschen des Mittelalters nicht zuletzt darum so klar unterscheiden konnte, weil er die Renaissance in Italien untersuchte und die dortige Kultur insgesamt vom europäischen Mittelalter abhob. Das ist so nicht mehr möglich, seitdem sich die Einsicht durchgesetzt hat, daß die Renaissance, bezieht man gewisse zeitliche Verschiebungen in die Betrachtung ein, ein gesamteuropäisches Phänomen war. Von dieser Prämisse gehen die Autoren der neun Beiträge aus.

Ganz offensichtlich sind sie zu keinem gemeinsamen Ergebnis gelangt, beziehungsweise die unterschiedlichen Aufgabenbereiche und Typen der Menschen, die sie jeweils studiert haben, ließen sie zu keinem einhelligen Schluß kommen. Eugenio Garin selbst, der den Beitrag über Philosophen und Magier geschrieben hat, und auch Alberto Tenenti, der Kaufmann und Bankier der Renaissance beschrieben hat, neigen eher dazu, die Brüche herauszustellen, um so den Menschen der Renaissance die Aura des Neuen zu verleihen. Bei Garin ist dies der Abschied des philosophierenden Intellektuellen von der Ausschließlichkeit der Hochschullehrerexistenz, in die er während des Mittelalters gebannt war, der Verzicht auf die scholastische Regelhaftigkeit des Denkens, die neue Vorliebe für dialogisches Argumentieren und die große Bedeutung, die der Humanismus philologischen Methoden bei der Beantwortung philosophischer Fragen beigemessen hat.

Für Tenenti hingegen ist es das grundlegend neue Zeitbewußtsein, das den Kaufmann und Bankier der Renaissance vom Menschen des Mittelalters unterscheidet: Zeit wird von ihm begriffen als ein, wie Sebastian Franck es damals nannte, "kostbares Gut", mit dem die Menschen sorgsam umgehen müßten; Zeit war nicht länger – als irdische Zeit – eine Durchgangsetappe zum Tode, zum Gericht und zur Erlösung, sondern ein Faktor, der gewichtig in die Berechnung von Gewinn und Verlust einging. Garin und Tenenti, bemerkenswerterweise beide Italiener, haben also, wenn auch mit unterschiedlichen Argumenten, an der konventionellen Sichtweise festgehalten, wonach sich der Mensch der Renaissance von dem des Mittelalters erkennbar unterscheidet, während insbesondere John Law in seinem Beitrag über den Fürsten der Renaissance sowie Michael Mallett, der die Gestalt des Condottiere bearbeitet hat, sehr stark die Kontinuitäten in den Mittelpunkt gestellt haben.

Dabei ist bemerkenswert, daß sowohl Law als auch Mallett ihre Ergebnisse überwiegend an italienischem Material gewonnen, beziehungsweise die Sonderstellung Italiens während der Renaissance, bezogen auf das in ihr vorherrschende Selbstbewußtsein des Menschen, gerade mit italienischem Material zu relativieren versucht haben. Keineswegs, so Law, treffe das verbreitete Bild vom Renaissancefürsten als einem Beispiel für Grausamkeit und Skrupellosigkeit zu, sondern es sei auch hier eine allgemeine Orientierung an der Sicherung der Dynastie, das heißt der Gewährleistung der Erblichkeit, vorherrsehend gewesen.