Von Dieter E. Zimmer

Wie begeht man die Selbstauflösung eines Staatsgebildes und seine Verschmelzung mit dem bisherigen Intimfeind? Kein approbiertes Ritual steht für derlei Vorkommnisse bereit. So war das Vorbild für den Countdown schlicht Silvester: ein paar besinnliche Reden zum Ausklang und zum Neubeginn, Glockengeläut, Böller, Klamauk und Schampus.

"Dann schreiten wir mal zur Kapitu... zur Kopulation", sagt der Fahrgast, der am Abend des 2. Oktober am Alexanderplatz aussteigt, zu seiner Begleitung, und die sagt: "Wir kennen uns doch gar nicht."

Von hier die Linden entlang bis knapp vorm Brandenburger Tor sind Buden und Zelte aufgebaut – die DDR, in einem Jahr ein Land der Imbißstände geworden. Bratwurstschwaden wallen bläulich und fettig durch die Luft. Alle paar Schritte werden die Leute live oder dead von einer anderen Musik beschallt, ein kosmopolitisches Pop-Mix mit ein paar rekursiven historischen Zitaten ab und an: "Untern Linden, untern Linden gehn spaziern die Mägdelein." Vor Knobelsdorffs Oper schwankt eine zehn Meter hohe Colaflasche.

Ein Franzose ruft den "eißen Eineizglühwein" aus. An einem Stand werden Bundesadler verkauft, Knallerbsen und ein Stofftier, das Miss Piggy darzustellen scheint. Nebenan gibt es zwei Arten von Hosenträgern, die einen in Schwarz-Rot-Gold, die anderen mit der Inschrift "I (Herzchen) beer". Beer aber ist heute nicht angesagt, heute leistet man sich Sekt, die Flasche zu fünfzehn Mark, die Scherben knirschen unter den Füßen der Menge. Die schwarzrotgoldenen Hosenträger gehen nicht so recht; nur hin und wieder sieht man jemanden mit einer Fahne, bei jedem Länderfußballspiel gibt es mehr davon.

Haufenweise werden Stoff- und Fellmützen der Nationalen Volksarmee verhökert, kistenweise die Orden und Anstecknadeln, mit denen der real existierende Sozialismus ideellen Trost für materielle Unbilden gespendet hatte. Wer weiß, wohin damit, kann für zehn Mark eine ausgediente DDR-Fahne erwerben. Die letzte im Gebrauch befindliche hängt in der Universitätsstraße still vom Dach der Bibliotheksfachschule und trägt die trotzige Aufschrift "Soviel Hoffnung gibt nicht auf".

Immer dichter strömen die Menschen, brav auf der rechten Straßenseite, Richtung Reichstag, wo Schlag zwölf die neue Republik anfangen soll. Danach gibt’s ein von Firmen gesponsertes Feuerwerk. Seine Pyrotechniker haben in der Lokalpresse ein ungewöhnlich dickes Kaliber angekündigt.