Von Viola Roggenkamp

Zitronen kullern, bunte Herbstblätter rascheln leise, Wattewolken wabern weiß. Zartgesponnene Nebelschleier nebeln schleierig zwischen Statuen nackter Römer. Und dazwischen schweben Brillen; kleine, große, ovale, runde, eckige, mit breitem Rand, dünnen Bügeln, Metallisches, Verchromtes, Stromlinienförmiges. Die Brille als Schmetterling, die Brille als Vampir, Batman’s Brille, die Brille zur Cocktailstunde: zwei Orangenscheiben vor den Augen. Es gibt Brillen in allen Farben, schrillsten Farben, und alle Farben in einer Brille, das gibt es auch. Brillen aus Plexiglas oder aus Holz, aus Leder oder Büffelhorn.

Die Optiker haben dieser Tage zur Herbstsaison ihre Schaufenster umdekoriert. Wenn die Uhren eine Stunde zurückgestellt, wenn die Tage kürzer werden und es früher zu dämmern beginnt, haben die Menschen zu Recht öfter den Eindruck, weniger sehen zu können. Zeit für eine Brille. Aber welche? Fürs Aussehen? Fürs Ansehen? Für den Durchblick? Aus Einsicht? Aus Vorsicht? Am Tisch sitzt ein Kunde, die Verkäuferin ihm gegenüber. Zwischen ihnen liegen Brillen, häufen sich Brillen. Schöne Modelle. Aber nichts für ihn. Er ist Mitte, Ende vierzig, im Spätsommer des Lebens. Klar, daß er was Junges, was Sportliches will. Sein kantiger Kopf und die schmale, scharfe Nase machen es der Verkäuferin nicht leicht. Die Brillen wollen ihn nicht, und er hat an jedem Modell etwas auszusetzen. Die ist ihm zu schwer, die zu leicht, die nicht seriös genug und die wieder zu seriös. So sagt er und meint, die mache ihn zu alt.

Die Verkäuferin bleibt geduldig. Dafür wird sie bezahlt. "Ich glaube, ich habe da doch noch etwas für Sie", sie steht auf, tritt an die verschlossene Glasvitrine, holt etwas Teures hervor, kommt zurück, setzt ihm die kreisrunde, goldene Fassung auf die Nase, streift mit Zeige- und Mittelfingern seine Schläfen und sagt verführerisch: "Der Literatenstil der zwanziger Jahre." Wieder nichts.

Er nörgelt und schnarrt: "Wissen Sie, ich habe noch keinen Zugang gefunden, ja, Zugang gefunden. Das braucht einfach seine Zeit, verstehen Sie. War schwer enttäuscht von dem Kollegen Augenarzt. Hatte nur drei Minuten für mich. Und dann das Ergebnis – minus fünf. Das kann ich gar nicht einsehen." Nun weiß sie Bescheid. Er möchte mit seinem akademischen Titel angesprochen werden. "Vielleicht wollen Herr Doktor noch mal zu einem anderen Augenarzt gehen?" Verlorene Zeit, denkt sie, der beißt heute nicht mehr an, und nennt ihm ein paar Adressen. Das paßt ihm nun auch wieder nicht, daß sie sich von ihm schon innerlich verabschiedet hat. Er beginnt, die vor ihm liegenden Brillen noch einmal Stück für Stück aufzunehmen, zwischen den Fingern zu drehen. Sie geht zum Telephon, läßt ihn allein spielen.

Die Kollegin am zweiten Tisch ist glücklicher. Ihre Kundin, Ende fünfzig, ist fast soweit. Sie hat die Frau umschmeichelt, nach ihren Wünschen abgetastet, ihr die unvorteilhaften vorsichtig ausgeredet. Sie hat sie bestärkt oder gewarnt, wo es nötig war: "Paßt sehr schön zu Ihrem Haar." – "Da würde ich doch sagen, vielleicht: nein." Und dann, nachdem sie gemeinsam eine, womöglich die Brille umzingelt hatten, fiel der riskanteste, aber doch alles entscheidende Satz: "Dieses Modell zieht auch insgesamt alles höher." Ganz ohne Frage war damit das zentrale Problem angesprochen. Die Wangen der Kundin hatten sich im Laufe des Lebens merklich zu Hängetaschen entwickelt, Mundwinkel und Augenfalten hatten nachgezogen. Als Kontrapunkt jetzt die markante, aufwärtsstrebende Dreiecksform auf der Nase. "Sehen Sie sich doch einfach mal die Ganzheitswirkung an", fordert die Verkäuferin auf. Die Dame tritt vor den großen Spiegel. Da steht sie, von Kopf bis Fuß. Die Brille ist ohne Gläser. Sie tritt nahe heran, tritt sich noch näher. Dann sieht sie sich, fährt sich mit allen zehn Fingern durchs Haar, streicht den Rock glatt, stellt den rechten Fuß etwas vor. So, jetzt sitzt die Brille.

Es ist erreicht. Die Verkäuferin lehnt sich zufrieden auf ihrem Stuhl zurück. Sie läßt von ihrem Objekt nur scheinbar ab, gibt der Kundin Raum, sich selbst für das zu entscheiden, was schon entschieden ist. "Gefällt mir, gefällt mir", kommt es tastend. Dann: "Man hängt ja irgendwie an der alten." Die Verkäuferin nickt anteilnehmend, setzt aber spannungsvoll nach: "Dennoch kein Vergleich mit der neuen." – "Meinen Sie auch, nicht?" sagt die Kundin. Die Verkäuferin nickt: "Die ist es." 369 Mark. Na ja, die Kasse wird 20 Mark dazugeben.