Von Curt Gasteyger

GENF. – In den nächsten Wochen soll in der Sowjetunion ein neues Gesetz in Kraft treten, das Sowjetbürgern endlich das Recht auf freie Auswanderung und Rückkehr zugesteht. Der sowjetische Arbeitsminister Tscherbakow rechnet damit, daß zwei bis drei Millionen seiner Landsleute Arbeit im Westen suchen werden. Er sprach von "zeitweiliger Arbeit". Das heißt: er rechnet mit einer Rückehr aller oder doch eines Großteils dieser Arbeiter.

Nichts ist, beim desolaten Zustand der Sowjetwirtschaft, weniger gewiß. Denn inzwischen ist das in der DDR, in Polen und anderswo in Mitteleuropa längst vertraute Gespenst der Arbeitslosigkeit auch in der Sowjetunion aufgetaucht. Ob verdeckt oder offen: die Zahl von zehn Millionen Arbeitslosen scheint heute schon nicht mehr zu hoch gegriffen.

Eine neue Welle von Arbeitssuchenden, von Gastarbeitern und potentiellen Asylbewerbern steht uns also demnächst ins Haus. Diesmal nicht aus dem Süden, der "Dritten Welt"; der Strom kommt – für die Bundesrepublik einmal mehr – aus dem Osten. Seine Ursprungsländer sind nicht mehr nur Polen oder Rumänien oder, in einem neuen Schub, das rasch zerfallende Jugoslawien. Diesmal ist die Reihe an der Sowjetunion, und diesmal bleibt die bisher stark gesiebte Emigration nicht auf Juden, Wolgadeutsche und andere Minderheiten begrenzt.

Die Auswanderung aus den ehemals kommunistischen Staaten einschließlich der Sowjetunion kann damit Ausmaße erreichen, die nicht nur unser Vorstellungsvermögen, sondern selbst eine großzügige Aufnahmebereitschaft bei weitem übersteigen. Im Vergleich hierzu nehmen sich die bisherigen Zahlen sowjetischer Auswanderer eher bescheiden aus. Aber auch sie zeigen steigende Tendenz. In der ersten Hälfte dieses Jahres sollen laut Tass bereits 234 000 Sowjetbürger Visa für einen unbegrenzten Aufenthalt im Ausland erhalten haben. Das sind 120 Prozent mehr als im letzten Jahr.

Man gibt sich in Moskau im Zeichen der Perestrojka also auch in dieser Hinsicht großzügig. Denn die Auswanderung, ob zeitweilig oder auf Dauer, soll zum einen den Arbeitsmarkt zu Hause entspannen helfen; zum andern hofft man auf harte Devisen, die sowjetische Gastarbeiter in ihre Heimat zurückfließen lassen.

Sind aber die Dämme bürokratischer Schikanen und politischen Mißtrauens, die einer freien Auswanderung bislang im Wege standen, einmal gebrochen, dann dürfte es kaum bei zwei bis drei Millionen Auswanderungswilligen bleiben. Unabhängige sowjetische Beobachter scheuen sich denn auch nicht, von fünf oder gar sieben Millionen zu sprechen, mit denen – sozusagen in einem ersten "Durchgang" – zu rechnen wäre.