Chinas Einzelkinder, die "kleinen Sonnen": Die Entdeckung des Individuums

Von Marion Rollin

Möget Ihr hundert Söhne und tausend Enkelsöhne bekommen!" wünschte man einst jungen Hochzeitspaaren, und jahrzehntelang kursierte Mao Tse-tungs Parole "Je mehr Menschen, desto mehr Kommunisten!" Jene Kinder, die damals noch Namen bekamen wie "Verteidigt die rote Macht" oder "Laßt uns kämpfen" sind nun Eltern von Einzelkindern. 35 Millionen Kinder wachsen heute in China ohne Geschwister auf. Bevölkerungspolitisch ist das ein Segen. Denn das Ziel, daß es bis zum Jahr 2000 nicht mehr als 1,2 Milliarden Menschen in China geben soll, scheint nicht mehr unerreichbar – vor allem in den Städten funktioniert die Politik.

Wenn man aber westlichen Medien Glauben schenken will, zieht nun in China eine neue Gefahr herauf: eine Brut verwöhnter und selbstbezogener Rüpel. Gräßlich, diese neue Generation: eigensinnig und egoistisch, mit wählerischen Eßgewohnheiten, ängstlich und feige, hochmütig und arrogant, faul und respektlos gegenüber der älteren Generation. Da heißt es im Spiegel: "Einzelkinder in China – anmaßend und verwöhnt"; in der Welt: "Panhua tanzt seinen Eltern auf dem Kopf herum"; im Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt: "Die verwöhnten kleinen Sonnen"; in dem Fernsehbericht über das "Reich der kleinen Kaiser" werden Chinas Einzelkinder zu einer "Generation verwöhnter Hätschelkinder" abgestempelt. Verzweifelte Kinderärzte kommen ins Bild und berichten von ihrer neuesten Entdeckung: dem Phänomen der Fettleibigkeit. "Die Verwöhnung von Einzelkindern fördert die Sucht", folgert der China-Korrespondent. Und nirgends fehlt der Hinweis darauf, wie es zu solch kindlicher Fehlentwicklung kommt: Es drehe sich eben alles um die neuen "kleinen Sonnen", deren Großmütter gar in die Schulen kämen, um anstelle der faulen Enkel aufzuräumen und zu putzen.

Oskar Weggel, China-Experte am Institut für Asienkunde in Hamburg und jährlich auf Forschungsreise in China, ist entsetzt über solch negative Berichterstattung: "Nach unseren Kriterien fügt sich ein chinesisches Kind immer noch zehnmal so leicht in die Gemeinschaft ein wie ein europäisches Kind. Daß westliche Berichterstatter bei uns im Fernsehen und in der Presse die chinesischen Urteile einfach nachplappern, die Maßstäbe verwischen zwischen westlichem und chinesischem Denken, nehme ich ihnen übel."

Der Staat hat Angst

Daß die Chinesen selber vieles ganz anders sehen und hart mit ihrem einzigen Nachwuchs ins Gericht gehen, findet der China-Referent nicht verwunderlich. Denn für sie, die die alten konfuzianischen Traditionen nicht von heute auf morgen aus ihrem Wertekodex streichen können wie ein ausgedientes Parteiprogramm, sind Individualität und eigener Wille, welcher sich bei der neuen Generation zum ersten Mal regt, kein Wert, sondern ein Unwert. Das Individuum gilt nichts, die Gemeinschaft ist alles. Ein Kind hat sich in die Hierarchie des Clans einzuordnen, hat "pietätvoll" gegenüber den Eltern zu sein, "demütig", "gehorsam", "dankbar". Solche konfuzianische Ethik fügte sich später mühelos in die Idee vom kommunistischen Kollektiv ein. Es spricht vieles dafür, daß genau dieses Denken sich hinter der chinesischen Kritik am Einzelkind versteckt.