Von Iris Radisch

Die Käseschnittchen, die Freibiergesichter, die schlechten Zähne der Dichter, die Häppchengier der Kritiker, die schönen Kleider der Pressedamen, die nackte Haut der Bücher. Hat man alles schon gelesen. Und wie gerne wäre man dabeigewesen. Wie gerne hätte man auch morgens im Hotel Orangensaft getrunken, hätte dann seinen dänischen Verleger aufgesucht und war am Abend im Taxi zum Rowohlt-Empfang gefahren, wo einem alles wie in einem Film vorgekommen wäre, in dem der Ton schneller läuft als die Bilder. Wunderbare Tage wären das geworden. Und mit Weh hat man die Zeitungsberichte zu- und sich Frankfurt aus dem Kopf geschlagen. So schön muß die Messe sein!

Und wirklich. Die Taxifahrt, die Häppchen, die Pressedamen, die Dichter. Stimmt alles. Selbst das Hotel, in dem man Bergsteiger im Flur, Bestsellerautoren im Fahrstuhl und Konsul Weyer beim Frühstück trifft. Und alle tragen ein Buch unterm Arm. Daran sieht man gleich, daß sie wegen der Buchmesse durchs Hotel gehen müssen.

Genauso hat man sich das vorgestellt und kommt sich schon wie in einem Messebericht vor, in dem die Bilder schneller laufen als die Worte: Der Empfang bei Verleger Un. (viele Dichter, wenig Essen), der Empfang bei Verleger Na. (viel Essen, wenig Dichter), der Empfang bei Verleger He. (sehr viel Essen, keine Dichter). Und ungezählte Informationen aus erster Hand. Politiker von Do. hält nichts vom Autor Gr., Verlag Au. wird verkauft an Weinhändler Pi., Redakteur Ko. wechselt zum Wochenmagazin Sp., Psychoanalytiker Fr. hat seinerzeit in Wa. geheiratet und "vermählt" noch ohne h geschrieben, Dramatiker Mü. dreht doch keinen Film mit dem Geld der Firma Mi., Verleger Ma. hat sich mit Redakteur Schi, zwar ausgesprochen, befürchtet aber, daß Buchhändler Ni. die Bücher seines Autors Sy. mit Rotwein übergießt. So ist die Messe. Einerseits.

Andererseits gibt es einhundertvierzehntausend neue Bücher. Die Bücher liegen auf der Messe in Kojen. Neben den Büchern sitzen die Menschen, die die Bücher geschrieben und verlegt haben. In kleinen Kojen sitzen viele Menschen vor wenigen Büchern. In großen Kojen mit vielen Büchern sitzt niemand, weil alle an der Kojenbar stehen und trinken. In manchen Kojen sitzt nur ein Mensch vor einem Buch und trinkt nichts. Rudi Spengler zum Beispiel. Rudi Spengler ist mit einem einzigen Buch zur Messe gekommen. Es heißt "Hilf dir selbst sonst hilft dir Gott" und beginnt mit den Sätzen ‚"Mann-o-Mann‘, rief Gott. ‚Oh Gott, oh Gott‘, erwiderte eingeschüchtert der Mann."

Oder Roswitha Quadflieg. Roswitha Quadflieg ist nur mit Franz Kafkas "Betrachtung" gekommen. Lackschwarzes Leder mit Seidenvorsatz und fünf mehrfarbigen Bildern. Handsatz aus der Nicolas Cochin 16 Punkt, ohne Versalien gesetzt. Das Papier leicht grau, der Seidenvorsatz schillernd, "kaum als Gewebe erkennbar, in kleinen unregelmäßigen Punkten schwarz-braun und silbern". Ein Mensch und sein Buch. So ist die Messe auch.

In Halle vier sitzen zwei Menschen vor zwei Büchern. Die beiden Bücher heißen "Nix" und "traurig wie hans moser im Sperma weinholds". Die beiden Menschen heißen Wanke & Maas. Der Verlag heißt Produzentenverlag und ist erst wenige Wochen alt. In der Koje steht ein Fernsehgerät auf drei Bierkästen. Darin sieht man den Autor "Matthias" BAADER Holst, der die Texte seines Buches "traurig wie hans moser im Sperma weinholds" in der Brikettfabrik Bitterfeld, auf Wolfens Chemiehalden und in einem Ostberliner Selbstbedienungsrestaurant vorträgt. "Sei du das schaschlyk meiner leere!" bittet der Dichter auf dem Bildschirm. In der Koje gegenüber seufzen "Oskar und Fridolin" aus einer "wahren Geschichte für Hundefreunde".