Von Christoph Bertram

jemand weiß, ob die Krise im Golf im Krieg enden wird oder ob Saddam Hussein schließlich das geraubte und geplünderte Kuwait wieder herausrücken wird. Aber eins ist sicher: Wenn die Vereinten Nationen die künftigen Prüfungen so eindrucksvoll bestehen sollen wie die bisherigen, dann wird das nicht zuletzt von einem etwa fünfzigjährigen, eher unscheinbaren Mann abhängen, der in einer Nebenstelle des sowjetischen Außenministeriums, gleich bei der Arbat-Straße in Moskau, sein Büro hat.

Sergej Tarassenko – groß, graues, nach hinten gekämmtes Haar über einem aufgeschlossenen Gesicht – ist Planungschef des Moskauer Außenministeriums und gilt als enger Vertrauter von Außenminister Schewardnadse. Als irakische Truppen am 2. August in das wehrlose Kuwait einfielen, hatten die Arabisten in Moskau wie überall zunächst zur Zurückhaltung gemahnt. Wenn die sowjetische Führung dennoch beschloß, die Vereinten Nationen gegen den Angreifer zu aktivieren, dann war das, vermuten Moskauer Diplomaten, vor allem Sergej Tarassenko zu verdanken.

Was ihm vorschwebt, ist die eine Welt, der Abschied von all den unnötigen Barrieren und Trennlinien der Vergangenheit. Er sieht in der Golfkrise den Testfall für die Fähigkeit der Weltorganisation, Rechtsbrecher in die Schranken zu weisen, und für den Willen der Sowjetunion, dabei verantwortlich mitzuwirken. Fast möchte man glauben, Tarassenko wäre Saddam Hussein gar ein bißchen dankbar dafür, daß er durch die Brutalität seiner Herausforderung der Welt keine andere Wahl gelassen hat, als zu ihren vielbeschworenen Prinzipien zu stehen.

"Die Völkergemeinschaft braucht einen neuen Denkansatz", sagt er und formuliert davon selbst ein gutes Stück. Der Irak habe sich dreier Verbrechen schuldig gemacht. Er habe mit seinem Angriff auf Kuwait und die Annexion des Emirats das Völkerrecht gebrochen, friedliche Bürger als Geiseln genommen und mit chemischen Waffen gedroht. Hunderttausende habe er in die Flucht getrieben und viele Länder, die gerade erst aus der wirtschaftlichen Misere herauskletterten, wieder in das Elend zurückgestoßen.

Das alles dürfe nicht ungesühnt bleiben, sagt der Moskauer Planer. Auch wenn Saddam Hussein sich aus Kuwait zurückziehen sollte? "Gewiß doch. Denn sonst wäre das, als ließen Sie einen Dieb, der in Ihre Wohnung eingebrochen ist und dort viel zerstört hat, einfach wieder laufen. Das dulden wir in unserem eigenen Rechtssystem nicht, das können wir auch international nicht dulden!"

Die Charta der Vereinten Nationen hat die internationale Rechtsordnung bereits formuliert; als "Welt-Verfassung" hat Schewardnadse sie neulich in New York bezeichnet. Danach gilt es jetzt zu handeln. "Die Charta ist ein erstklassiger Text", schwärmt Tarassenko. "1945 auf der Konferenz von San Francisco hatten Gromyko (der Vorgänger Schewardnadses und damals schon sowjetischer Spitzendiplomat) den Krieg vor Augen, als sie die Artikel formulierten. Sie wußten, was zu tun ist, um ihn zu verhindern."