Von Reinhold Rombach

Es ist schon atemberaubend, mit welcher Chuzpe manche Banker ihren Kunden mit euphorischen Prognosen Aktien empfohlen haben und jetzt mit denselben Unschuldsaugen suggerieren, man habe "zwar nicht so direkt, aber doch irgendwie" geraten, sich vom Markt zu verabschieden. Da sitzen sie nun, die armen Anleger, dem Anlageberater vis-à-vis, der es – wieder einmal – geschafft hat, das schlechte Gewissen ausschließlich auf der anderen Seite anzusiedeln.

Aber bekanntlich ist nichts spannender als die Wahrheit. Und die weist auch in vielen Wertpapierdepots der Profis grausame Kahlschläge nach. Es sieht diesmal nicht danach aus, daß die Geldinstitute in einer komfortableren Situation wären als ihre Klientel. Die meisten zentralen Wertpapierabteilungen der Banken ließen sich von der boomenden Konjunktur und der Ostphantasie über Gebühr anstecken und sitzen jetzt auf massiven Verlusten.

So etwas gibt natürlich niemand zu, und Roß wie Reiter werden höchstens hinter vorgehaltener Hand flüsternd weitergegeben. Doch vieles spricht dafür, daß sich die Institute mit ihren eigenen Dispositionen etwa so verhalten haben, wie sie es beispielsweise in ihren veröffentlichten Musterdepots und aktuellen Dispositionslisten vorgeschlagen haben.

Die Entwicklung im ZEIT-Börsenspiel spiegelt das Geschehen der letzten neun Monate gebündelt wider. Da wurden zum Jahresbeginn mit einer durchaus echt und ehrlich gemeinten Begeisterung die Chancen des deutschen Aktienmarktes in allen Facetten geschildert. Die Argumente für eine bevorstehende Hausse gingen nimmermehr aus und jeglicher Zweifel wurde beiseite geschoben. Auch in den Begründungen zu den einzelnen Transaktionen spiegelte sich die Begeisterung für das Aktienengagement wider. Und heute?

Nachdem der Weltaktienindex nahezu dreißig Prozent verloren hat und der deutsche Kursseismograph Dax mit minus 21,6 Prozent ebenfalls kräftig Federn lassen mußte, herrscht auch bei den Experten Ratlosigkeit. Dabei wäre es doch gerade in diesen Zeiten dringend erforderlich, daß der Aktienfachmann dem Laien stützend zur Seite steht.

Und erst recht ist es keine Privatangelegenheit des Michael Ottens von der Schweizerischen Bankgesellschaft (Deutschland), wenn sein Depot im ZEIT-Börsenspiel seit Jahresbeginn einen Verlust von 45,11 Prozent aufweist. Vermutlich haben sich viele von dem Auftreten renommierter Profis animieren lassen und den einen oder anderen Titel für ihr eigenes Depot gekauft. Doch Michael Ottens ließ sein Depot, wie man sich in Branchenkreisen manchmal besonders drastisch auszudrücken pflegt, "voll gegen den Baum fahren". Der Kommentar des Frankfurter Vertreters der Schweizerischen Bankgesellschaft: "Was soll man machen, der Markt ist derzeit stark von Stimmungen abhängig."