Ach, tatsächlich, es war nur ein Beitritt. Ein paar Wurstbuden Unter den Linden, ein paar Knallfrösche und Bürgermeister Dr. Henning Voscherau vor dem Hamburger Rathaus, ein paar Reden in der Philharmonie und im Reichstag am Tag danach ... als sei eine Vereinigung – auch noch als Wiedervereinigung – nicht stets ein großes Wagnis, ein elementares Naturereignis, ein aufregender Höhepunkt des Lebens!

Ja, so hätte sie wieder triumphiert, diese bundesrepublikanische Angst vor dem Pathos, die große Neigung zur Selbstverkleinerung, zumal jener Bonn-Fraktion, die sich so gern in moralisch drapierter, kostensparender Niedlichkeit verkriecht, wenn es um die fordernden Themen geht wie die nationale Solidarität, die europäische Einheit, die Hauptstadt Berlin, die Verteidigung der Freiheit gegen Tyrannen, die Wahrung elementarer Interessen in Arabien und anderswo. Hätte – wenn, ja, wenn da nicht noch Einzelne gewesen wären, große Einzelne. Aber um ihnen zu begegnen, mußte man sich am 3. Oktober schon herausbegeben aus den Metropolen, mußte hinein in die Wälder, den deutschen Eichenwald, in den Sachsenwald zum Beispiel, nach Friedrichsruh.

Fürst Ferdinand von Bismarck hatte dort zu einer Feierstunde (incl. Gottesdienst) in die Gruftkapelle geladen, und mit glänzenden Augen eilte man den Hünenhügel hinan in das kleine schlichte Gotteshaus, wo mächtige Steinsarkophage das Irdische des Altreichskanzlers und seiner in Gott geliebten Gemahlin bis zum Jüngsten Tage wohl umschließen.

Welch ein überwältigender Augenblick – 119 Jahre danach! Und als Seine Durchlaucht der Fürst und die Fürstin erschienen, erhob sich die kleine Festgemeinde freudig von den Stühlen. Standarten wurden hineingetragen, Kerzen brannten, die Möllner Liedertafel von 1843 sang, und ein Bläserquartett blies, ergreifend schön.

Der Pastor predigte sehr inspiriert über ein Kapitel aus der 1. Chronik und wiederholte mehrmals die Worte Davids, daß wir das Antlitz des Herrn allezeit suchen mögen. Im übrigen seien alle Reiche dieser Erde, auch die wiedervereinigten, so mahnte er milde-väterlich, natürlich nur etwas Vorläufiges, Vorletztes – denn das wahre Reich sei allein das Reich Gottes.

Ja, Gnade Gottes ist dies alles. Und als Seine Durchlaucht selber an die Kanzel traten, blitzten Thränen auch in so manchem Männer-Aug’. Der Fürst sprach mit sanfter, einfühlsamer Stimme, an diesem Abend des ersten Tages der deutschen Einheit, am Grabe des Reichsgründers, und alle, die seine Worte hörten, waren sehr, sehr bewegt. Man sang (sitzend) "Nun jauchzt dem Herren alle Welt" und "Lobe den Herren" und "Nun danket alle Gott, der große Dinge tut".

Dann durchschritten der Fürst und die Fürstin die kleine, still bebende Schar und begaben sich unmittelbar an den Sarkophag ihres großen Ahnen, im hinteren Teil der Kapelle, um dort einen mächtigen Kranz niederzulegen, mit hundert gelben Rosen, halb erblüht. Die Fürstin trug ein tief graues Kostüm mit etwas Waschbärähnlichem um den Hals, und ihr Antlitz, aufs bräunlichste beglückt von der goldenen Sonne unserer mittäglichen Provinzen zwischen Marbella und Benidorm, strahlte vor Würde und Ernst. Dann sangen sie beide und alle anderen auch (stehend) das Lied der Deutschen, 3. Strophe.