Böse Scherze kann der Staat nicht gut vertragen. Und die Diktatur am allerwenigsten. Denn die Ironie, das Element des sogenannten Subversiven, ist viel gefährlicher als die platte Freund-Feind-Konstellation. Die kulturellen Machthaber des SED-Staates, die sich wohlwollend zur Betrachtung des Bildes "Die Grablegung des Soldaten" von Rainer Bonar eingefunden hatten, waren doppelt düpiert, mußten doppelt zurückschlagen, weil sie die Information, daß der von den Portraits von Lenin und Castro, Rilke, Turgenjew, Claudius und Hermlin umschwebte Tote kein anderer war als Wolf Biermann, zu spät erreichte. Blamiert!

Rainer Bonar, der 1981, nach Jahren der Verfolgung und dreimaliger Inhaftierung aus der DDR abgeschoben wurde, ist einer von 170 Künstlern, deren Arbeiten jetzt in der Ausstellung "Ausgebürgert – Künstler aus der DDR 1949-1989" in der Gemäldegalerie in Dresden zu sehen sind. Werner Schmidt, der frühere Leiter des Dresdner Kupferstichkabinetts und jetzige Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen, war nicht zufällig der Initiator dieser Ausstellung: Seit Jahren hatte er das Kupferstichkabinett zu einem kleinen Widerstandsnest ausgebaut, die verbotene Kunst (auch derer, die in der DDR geblieben waren) gesammelt. Da Schmidt nicht kaufen konnte und durfte, entwickelte er die Kunst des Sich-beschenken-Lassens zu hoher Blüte.

Die Bestände des Kupferstichkabinetts sind der Grundstock dieser Ausstellung, die Schmidt zusammen mit zwei zukünftigen Kunststudentinnen und einer Mitarbeiterin in neun Monaten zusammengebracht hat. 30 000 Mark standen ihm zur Verfügung (dafür macht im Westen auch der Kunstverein von Oberniederdorf keine Ausstellung mehr); den Katalog stiftete das innerdeutsche Bundesministerium. Zur Eröffnung, am 7. Oktober, dem 41. Jahrestag der früheren DDR, kam zwar Bernhard Heiliger (1951 war er in Berlin von der Akademie Ost an die Akademie West berufen worden), aber keiner jener Künstler, die später in die Bundesrepublik gingen, flüchteten oder, wie A.R. Penck, geprügelt wurden und von dort aus als Made in Germany international reüssierten.

Manche Wiederbegegnung gab es, Freude, Adressenaustausch, aber auch Befangenheit, verstohlene Begrüßungen. Betroffenheit hier und dort, Verlegenheit. Denn, wie Klaus Werner im Katalog schreibt, "Grenzen sind schräg", und "neben dem Mut zu gehen, gab es auch den Mut zu bleiben". Und die, die geblieben waren, durften beim Ausstellungsrundgang auch gelegentlich feststellen, daß die Ausbürgerung oder Republikflucht allein noch keinen Künstler macht – auch wenn die Dresdner Ausstellung das zu attestieren scheint.

Werner Schmidt selber ist klug und realistisch genug, um die wahrhaft heterogene Versammlung von rund 330 Bildern, Zeichnungen, Drucken, Skulpturen, Photos und kunsthandwerklichen Gegenständen ein "kein rein künstlerisches Projekt" zu nennen. Wodurch einem die Feststellung, daß es an diesem Ort und zu diesem Zeitpunkt auch nicht in erster Linie darum geht, leichter fällt. In einem Jahr darf Schmidt oder wer immer in Dresden, Leipzig, München oder Hamburg sich so eine Feststellung, so eine Zusammenstellung wohl nicht mehr leisten. "Aber vielleicht", schreibt Gerhard Richter in einem Brief an Schmidt, "wird gerade diese Unzulänglichkeit und auch Bescheidenheit ein Vorteil der Ausstellung sein." Daß Richter, Uecker und Graubner in Dresden nur mit kleinen Arbeiten (im Fall von Richter: kuriosen Frühwerken) zu sehen sind, hängt auch mit der Tatsache zusammen, daß sie 1986 in der Dresdner Ausstellung "Positionen" mit großen Werkgruppen präsent waren. Penck, der Ur-Dresdner, der seit 1965 in Dresden öffentlich nicht zu sehen war, steht mit drei großen Leinwänden, einer zehnteiligen Siebdruckfolge und einigen Aquatintablättern im Zentrum des Geschehens.

Penck und die 664 anderen? Im Katalog, der zu Recht und unter detektivischen Kraftanstrengungen zu einem Handbuch der deutsch-deutschen Migration erweitert wurde (und als solches zum wichtigen Nachschlagewerk werden wird), schwillt die Zahl der 170 ausgebürgerten Künstler auf 665 an. Ein Land voller Künstler? Jeder, der in der DDR eine Kunstakademie oder Kunstgewerbeschule besuchte, wurde nach dem Diplom Mitglied des Künstlerverbandes. Und so werden dann eine Gebrauchsgraphiker-Gattin, die mit ihrem Keramik-Mann irgendwann von Ost-Berlin nach West-Berlin umzog, zum verfolgten Künstler-Ehepaar. Sei’s drum.

Daß hinter der Angst des Staates vor den Künstlern und ihren Arbeiten auch eine tiefe, grundsätzliche Verachtung für die ganze Spezies, ihre Gesinnung und ihre Produkte stand in Gegenwart und Vergangenheit, zeigt nicht zuletzt die Tatsache, daß Kulturminister Klaus Gysi 1970 die Museen freigab zur Plünderung zwecks Verkaufs von Kunstwerken. Zur Sanierung des maroden Staatshaushalts war die ungeliebte, die überflüssige Kunst gut genug. Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, neben Berlin das größte deutsche Kunstgut, nannte Gysi namentlich als ergiebigen Fundus für Verkäufe.

Mut zu gehen, Mut zu bleiben: Am schwersten hatten und haben es vielleicht die vielen, die gegangen sind und nirgendwo ankamen. Roger Loewig, der Zeichner, Maler und Schriftsteller, der 1930 in Schlesien geboren wurde, immer wieder aneckte mit seinen Arbeiten und seit 1972 in West-Berlin lebt, hat diese bittere Erfahrung so beschrieben: "In dem einen Deutschland sperrte man mich für meine Arbeit ins Gefängnis, 1972, lange nach dem innersten Gewahrsam, ließ man mich ganz laufen, ohne Rückkehr selbstverständlich, und ich lief. Im hübscheren Deutschland bin ich noch immer nicht angekommen ... Mittlerweile haben mich hier die eingeholt und überholt, deren penetrante Stallausdünstung mir andernorts einmal Übelkeit erregte. Zeit zu neuem Aufbruch! Aber wohin? Ein drittes Deutschland gibt es nicht." Loewig schrieb das 1983. Und nun ist wieder alles ganz anders. Oder nicht? (Albertinum bis zum 2. Dezember; vom 10. 1. bis 1.3. 1991 Deichtorhallen, Hamburg; Katalog 29,80 DM) Petra Kipphoff