Von Lutz Dröscher

Naturwissenschaftler müssen in jeder Veröffentlichung genau angeben, auf welchen anderen Arbeiten sie aufbauen. Das Institute of Scientific Information (ISI) in Philadelphia spürt mit großem Aufwand diesen Zitaten nach. Es stellt jährlich mehr als 600 000 Literaturverweise aus über 3300 Periodika zusammen und gibt in der Zeitschrift Current Contents leidenschaftliche Kommentare, current comments, dazu ab. Die Schriftführung dieses Blattes hat ein Besessener: Professor Eugene Garfield.

Wie der Präsident einer Gedankenpolizei weiß er genau, wer wann wo von wem zitiert wurde. Wenn das Schriftstück eines Wissenschaftlers plötzlich weltweit in aller Quellenverzeichnissen ist, dann muß Außerordentliches passiert sein. Das kann durchaus auch etwas Unangenehmes sein. Das große Echo auf einen Artikel besteht nämlich bisweilen auch aus Verrissen und Hohngelächter. Zwar wird durch solche schwarzen Schafe manch stolze Zitatenzahl entwertet. Dennoch versuchen die ISI-Forscher unbeirrt, aus ihren Statistiken möglichst viel Information herauszupressen – und wagen sogar vorherzusagen, wer künftiger Nobelpreisträger sein könnte.

Daß die meistzitierten Veröffentlichungen nicht unbedingt die genialsten sein müssen, belegt das folgende Beispiel: Den absoluten Rekord mit 187 652 Erwähnungen hat bisher ein Artikel gefunden mit dem umwerfenden Titel "Protein Messung mit Folin Phenol Reagens". Der Hauptverfasser, Professor Lowry, meint selbstkritisch, er habe schon Besseres geschrieben. Dennoch hat dieser "anomale Artikel", wie Eugene Garfield ihn nennt, mehr als dreimal so viele Zitate erwirkt wie der Zweitplazierte. Bei der Laborarbeit kommt eben bis heute kaum jemand um Lowrys Methode zur Proteinmessung herum.

Trotz allem ist das Zitatenecho eine deutliche Wegmarke auf der Ruhmesstraße eines Wissenschaftlers. Viel zitiert zu werden ist unstrittig ein Erfolg, solange es sich nicht um negative Anlässe handelt. Deshalb kann Eugene Garfield auch sicher sein, daß seine Kommentare aufmerksam gelesen werden und daß die telephonbuchdicken Aufstellungen des ISI (es gibt sie auch auf Diskette) nicht in den Regalen verstauben.

Ist eine Zitatenreihe erst einmal in die Fänge der ISI-Computer geraten, so wird sie in verschiedensten Weisen ausgewertet. So spiegeln zum Beispiel Diagramme die Zitaten-Geschichte wider, die Hoch- und Tiefpunkte einer wissenschaftlichen Arbeit im Laufe der Jahre oder gar Jahrzehnte. Einige wenige Werke trotzen der Anbrandung der Gezeiten, die meisten werden jedoch davon zermahlen. Wenn der Zitatenerfolg wie ein Pilz aus dem Boden schießt und anschließend mit kurzer Halbwertszeit zerfällt, so ist dies ein recht typischer Verlauf für die meisten Veröffentlichungen. Obwohl ihr Inhalt völlig verschieden ist, können sich die Ruhmeskurven zweier Artikel gleichen wie eineiige Zwillinge, weil ihre Beachtung von den gleichen Strömungen beeinflußt wird. Starke Artikel müssen sich in der Regel zunächst gegen heftige Antipathien in der vorherrschenden Lehrmeinung durchsetzen, schaffen dies und werden dann bald von den eigenen geistigen Kindern abgelöst.

Während normalerweise die Zitatenresonanz langsam abklingt, gewinnt sie in anderen Fällen langsam an Kraft. Nicht immer ist es eine plötzliche Wiederentdeckung, die zu spätem Ruhm führt. Gleich einem schwelenden Feuer arbeiten sich manche Werke durch die Jahrzehnte nach oben. Einer dieser Schwerarbeiter ist noch immer das Buch von Charles Darwin aus dem Jahr 1859. "Von der Entstehung der Arten" ist eines der einflußreichsten Bücher, die je geschrieben wurden. Dieser Klassiker wird in den letzten zehn Jahren so oft zitiert wie nie zuvor.