Von Eckhard Roelcke

Bereits am 15. Juni hatte er 260 Einsätze hinter sich. Damit war sein Jahressoll zwar schon erfüllt, aber, keine Frage: "Ich setze mich doch nicht den Rest des Jahres hin und drehe Däumchen. Dazu macht mir die Arbeit im Ensemble viel zuviel Spaß." Also spielte der Flötist Dietmar Wiesner fleißig weiter. Im vergangenen Jahr kam er auf 482 Einsätze, diesmal werden es nicht weniger werden. Zum Durchatmen aber wird er dann kaum gekommen sein.

Dietmar Wiesner ist keine Ausnahme. Die Musiker des Ensemble Modern können sich über Arbeit nicht beklagen. Die nächsten Termine: Graz, Basel und Berlin, Wien, Lyon und Brüssel. Und natürlich immer auch Proben, weil neue Werke einstudiert werden müssen. Nicht Stücke von Haydn, Beethoven oder Tschaikowskij, sondern von Henze, Birtwistle oder Nancarrow, von Lachenmann, Hespos oder Nono.

Neue und neueste Musik also, Kompositionen nicht im tonalen F-dur oder c-moll, sondern atonal oder zwölftönig, seriell oder aleatorisch. Manchmal gibt es gar keine konventionellen Partituren, sondern nur graphische Zeichen, optische Vor-Bilder also eines musikalischen Prozesses.

Das Ensemble Modern interpretiert fast ausschließlich zeitgenössische Musik, die zu spielen die meisten Musiker in den "normalen" Orchestern zum Murren, manchmal zum Streiken treibt, gelegentlich zu Magengeschwüren führt. Für die Instrumentalisten des Ensemble Modern aber ist die Neue Musik eine Passion. Da gibt es keine Ressentiments oder vorgeschobenen "Unspielbar"-Argumente, sondern Neugierde und Erfahrung, Engagement und – nicht zu unterschätzen – enorme Fingerfertigkeiten.

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Kennengelernt haben sich die Musiker bei der Jungen Deutschen Philharmonie. 1980 schlossen sich einige von ihnen zu einem Kammerensemble zusammen, um in kleiner Besetzung zeitgenössische Musik aufzuführen. Das Gründungskonzert spielten sie beim Deutschlandfunk in Köln, auf dem Plakat stand noch: "Ensemble Modern der Jungen Deutschen Philharmonie". Organisatorisch waren sie damals noch Teil des renommierten Orchesters, in dem Musikstudenten aus vielen Hochschulen der Bundesrepublik mitspielten. Ähnlich wie dort trafen sich die Mitglieder des Ensemble Modern in den folgenden fünf Jahren immer wieder zu "Arbeitsphasen", in denen sie Konzertprogramme einstudierten und aufführten.