Von Hans Harald Bräutigam

Feierlich haben kürzlich beim Weltkindergipfel in New York Präsidenten und Staatenlenker aus der ganzen Welt versprochen, alles daranzusetzen, daß bis zum Jahre 2000 die Kindersterblichkeit in den unterentwickelten Ländern um mindestens ein Drittel gesenkt wird. Die Aufgabe drängt, denn täglich sterben in Afrika, Asien oder Lateinamerika über 40 000 Kinder vor Erreichen des fünften Lebensjahr an Unterernährung, Verwahrlosung oder Infektionskrankheiten. Mit mehr ärztlicher Fürsorge, Verbesserung der hygienischen Verhältnisse und ausreichender Ernährung ließe sich das ehrgeizige Ziel sicher erreichen. Dazu gehören aber nicht nur Geld und guter Wille, sondern auch unsere Bereitschaft auf hemmungslosen Verbrauch und überflüssigen Luxus zugunsten Ärmerer in den Entwicklungsländern zu verzichten.

Der englische Arzt und Direktor des Department of Public Health Medicine der Universität Leeds, Maurice King, ist skeptisch, ob das Programm der Weltkinderhilfe (Unicef) überhaupt sinnvoll ist. "Mit einer Senkung der Kindersterblichkeit wird nicht gleichzeitig die Geburtenzahl reduziert." Hohe Bevölkerungsdichte führt zu den katastrophalen Sozial- und Umweltproblemen, die jetzt bereits in den Megastädten wie Mexico City oder São Paulo zu beobachten sind.

Die Unicef "trompetet aber die Botschaft heraus, daß, wenn weniger Kinder sterben, auch weniger nachgeboren werden", kritisiert King. Diese These sei schlicht falsch, sie führe auf dem direkten Wege zur Bevölkerungsexplosion in der Dritten Welt. "Die Rettung von Kindern etwa durch orale Rehydratation" – damit wird der Salz- und Wasserverlust bei Durchfallerkrankungen ersetzt – müsse zwar therapeutisches Ziel des einzelnen Arztes sein, sie könne aber nicht zur Richtschnur von Gesundheitspolitik in unterentwickelten Ländern werden. Solche Rettungsmaßnahmen, dazu gehörten auch Schutzimpfungen, vergrößerten letztlich nur das Leid, denn damit werde der Zeitpunkt des Hungertodes nur hinausgeschoben.

Maurice King weiß, wovon er spricht. "Ich habe fast dreißig Jahre in den Elendsgebieten der Dritten Welt als Arzt vor Ort gearbeitet", sagt er und ist überzeugt, "daß die Überbevölkerung zur Zerstörung unseres Planeten führt". Mit nüchternen Zahlen kann sein Pessimismus belegt werden: In den letzten 150 Jahren hat sich die Erdbevölkerung verfünffacht. Allein in der letzten Dekade unseres Jahrhunderts werden noch eine Milliarde Menschen mehr hinzukommen. Alle Anstrengungen, den Bevölkerungszuwachs zu begrenzen, waren vergeblich. Bereits jetzt hat sich für Afrikaner und Inder die "demographische Falle" geschlossen. Bevölkerungswissenschaftler benutzen diesen Begriff als Ausdruck für ein massiv gestörtes Gleichgewicht zwischen Geburten und Sterbeziffern, das längerfristig in großes Elend führt. Die Verbesserung medizinischer und sozialer Versorgung führt zwar zum Rückgang der Sterblichkeit, in den unterentwickelten Regionen aber noch keineswegs zur Senkung von Geburtenzahlen.

Darauf wartet die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schon lange. Immer wieder mußte sie die Voraussagen über die Bevölkerungsentwicklung kräftig nach oben revidieren. Sam Preston vom Bevölkerungsbüro der Vereinten Nationen hält es für einen gefährlichen Trugschluß anzunehmen, daß, wenn weniger Kinder sterben, nahezu automatisch auch weniger geboren würden. "Die auf dieser Annahme begründeten, hoffnungsfrohen politischen Aussagen entbehren jeder wissenschaftlichen Basis."

Wie weit muß die Sterblichkeit gesenkt werden, um einen Rückgang der Geburtenzahlen zu beobachten, fragt sich auch Maurice King. "Werden wir Schwellenwerte für Kindersterblichkeit einführen?" Abgesehen von der ethischen Fragwürdigkeit, ist die von Maurice King vorgeschlagene "Mortality Control" ein zu simpler Vorschlag. Soll zur Sterblichkeitskontrolle die staatliche Verweigerung von Hilfe gehören? Das von Bevölkerungsplanern eingeführte Argument der "Replacement Fertility" ist auch nicht besser. Denn der "Ersatz" durch die Geburt eines Kindes, nach dem Tod eines älteren zur Aufrechterhaltung einer bestimmten Familiengröße, funktioniert aus biologischen Gründen nicht so exakt, wie Planer sich dies vorstellen. Stillen gehört beispielsweise zu den natürlichen und zuverlässigen Methoden der Geburtenplanung. Regelmäßig stillende Mütter, die ihr Kind stündlich anlegen, werden nicht schwanger. Stirbt ihr Kind an einer Infektionskrankheit, muß sie ihr Stillen deshalb beenden, bald wird sie wieder schwanger. Die Perioden der Fruchtbarkeit werden immer länger.