Von Bernd Müllender

Aachen

Schaurig-schon ruft die Stimme des Muezzin. Der Vorbeter, Moschee-Leiter Isaam El-Attar, spricht auf arabisch mal flehentlich, mal flüsternd, dann wird er aufgeregt und beschwörend. Viele hundert Moslems, Männer und Frauen, lauschen dichtgedrängt: das traditionelle Freitagsgebet, im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen, in der Bilal-Moschee, die eingezwängt liegt zwischen dem geschäftigen Gelände des Aachener Güterbahnhofs und den Tennisplätzen der Hochschule.

Seit 26 Jahren gibt es die kleine Betstätte, toleriert und unbeachtet, als religiöses Zentrum für rund 20 000 Moslems im Großraum Aachen. Doch an diesem Freitag spricht der erregte Redner El-Attar von "merkwürdigen Erscheinungen", die er beschreibt als "bewußten Versuch, den Islam zu bekämpfen und zu unterdrücken".

Für die "Erscheinungen" sind die Aachener Grünen verantwortlich, sie seien intolerant, rassistisch und menschenverachtend und machten gemeinsame Sache mit Rechtsradikalen. So jedenfalls sehen es ihre erbosten Kritiker, nicht nur im Islamischen Zentrum Aachen e.V. (IZA). Die SPD wollte den Grünen schon die Zusammenarbeit im Stadtrat aufkündigen. Was war passiert?

Als das Islamische Zentrum Aachen seine Pläne für einen monumentalen Moschee-Neubau mit Kulturzentrum und diversen Schulungseinrichtungen – Kostenschätzungen 30 bis 60 Millionen Mark – zur Genehmigung vorlegte, fuhren die Grünen schweres Geschütz auf: Die islamische Gemeinde diene weniger dem Glauben, sondern sei eine getarnte Zentrale der militanten Moslem-Bruderschaften. Unbestrittenes Ziel dieses internationalen Geheimbundes sei es, auf arabischem Boden einen einheitlichen Gottesstaat zu schaffen, orientiert am orthodoxen Koran, und unwilliges Regime notfalls gewaltsam zu eliminieren.

Der Fundamentalismus hat unbestreitbar eine blutige Geschichte. Im Jahre 1981 ermordeten ägyptische Moslembrüder Präsident Sadat, 1982 versuchten syrische Bruderschafts-Mudschaheddin, das verhaßte Assad-Regime zu stürzen. Beim Bürgerkrieg um die Stadt Hama kamen 30 000 Menschen ums Leben. Die extremistischen Bruderschaften sind in den meisten arabischen Staaten verboten und ziehen sich daher gern in das schützende Ausland zurück.