Seit 1964 wird weltweit am 15. Oktober, dem "Internationalen Tag des Weißen Stockes", das Schicksal von schätzungsweise fünfzig Millionen blinden Menschen erinnert. Die folgenden Beispiele, diesen Schwerstbehinderten Kunsterlebnisse zu vermitteln und ihre künstlerischen Fähigkeiten zu entfalten, sind Ende August beim Kongreß der Europaischen Blindenunion im schottischen Glasgow zur Nachahmung und Forderung durch die EG-Kommission empfohlen worden.

Das sind Nachschnitte der Kleider aus der Bronzezeit", erklärt die Kunstpädagogin Angelika Schmidt-Herwig im Frankfurter Museum für Vor- und Frühgeschichte der blinden Besucherin aus Amerika. Mehrere Minuten lang tasten die Hände der Amerikanerin die Einzelheiten dieser Kleidung ab, dann webt sie an dem originalgetreu nachgebauten Webstuhl mit Wolle ein Stück Stoff. Wie sie kommen seit der Eröffnung dieses Museums im Frühjahr 1989 Tag für Tag viele nichtsehende oder stark sehbehinderte Frauen und Männer hierher, um mit ihren sehenden Begleitern Kunst zu erleben.

Im Maulwurfsbau, einer Dependance des Museums, hat Angelika Schmidt-Herwig die Ausstellungen tast- und sichtbar organisiert. Blinde können hier auch aus nachkonstruierten Einzelteilen eines jungsteinzeitlichen Hauses selbst zusammensetzen. Sie können nordische Steinwerkzeuge und Venusstatuetten aus der Eiszeit ertasten.

Zu besichtigen und mit den Fingern zu befühlen sind auch sechzehn Reliefdarstellungen der Felsbilder der Bronzezeit von der Westküste Schwedens. Fühlbar und für Sehbehinderte farblich kontrastreich zu sehen sind: Rinder, Hirten, ein Pflüger, bemannte Schiffe, tanzende und betende Frauen, ein Kultbaum, um den Menschen tanzen, sowie eine Lure, ein nordisches Blasinstrument. Die genaue Lage der Funde mit den Motiven in Schweden, die zwischen 1000 und 500 Jahren vor Christus entstanden sind, können die Besucher anhand einer in Blindenschrift und mit Kontrastfarbe deutlich gekennzeichneten Landkarte selbst herausfinden.

Die städtische Galerie Liebighaus hat im vergangenen Jahr einen Kurs, bei dem Blinde und Sehbhinderte Skulpturen aus der Antike ertasten und ihre Eindrücke anschließend mit Ton modellieren konnten, mit guter Resonanz angeboten. Von derlei Ermutigungen beflügelt, will die pädagogische Abteilung des Museums für Vor- und Frühgeschichte die nächste Ausstellung über "Mensch und Umwelt in der Frühgeschichte" ebenfalls integrativ, für Behinderte und Nichtbehinderte gleichermaßen erlebbar, aufbereiten.

Schließlich wird sich bei der vom 31. Oktober bis 4. November in Frankfurt stattfindenden museumspädagogischen Fachtagung auch eine Arbeitsgruppe mit dem Thema "Behinderte im Museum" beschäftigen.

Die Kunstangebote animierten neunzehn nichtbehinderte, stark sehbeeinträchtigte und blinde Frauen und Männer in Frankfurt, gemeinsam mit Speckstein Skulpturen in der Werkstatt der Stiftung Blindenanstalt zu schaffen. Sie wurden in diesem Frühjahr ausgestellt. Eine mit neunzehn Jahren erblindete Endfünfzigerin beispielsweise hatte eine siebzig Kilo schwere Skulptur geschaffen, deren Kopf an Menschen und deren Körper an Tiergestalten erinnerte.