Von Johannes Grotzky

Wien, im Oktober

Vermittlungsversuche scheinen in Jugoslawien keine Chance mehr zu haben. Die bundesstaatliche Einheit ist zerstört, seit sich die demokratisch gewählten Regierungen der nördlichen Republiken Slowenien und Kroatien zu einem Konföderationsmodell bekannt haben. Dieses läßt jedoch entscheidende Fragen offen. Als einzige Bekenntnisse zum angestrebten jugoslawischen Bund souveräner Staaten blieben die Zolleinheit und ein gemeinsamer Markt. Alle übrigen Zuständigkeiten, von der Außenpolitik über die Verteidigung bis hin zur Finanzierung der gewünschten Konföderation, werden anderen Instanzen übertragen. Freilich fehlen darüber noch genauere Absprachen.

Gleichwohl birgt das Staatenbundmodell große Sprengkraft für Jugoslawien. Die Rückkehr Sloweniens und Kroatiens in den jugoslawischen Bundesstaat scheint damit ausgeschlossen. Gleichzeitig lassen beide Republiken die endgültige Form der Konföderation offen. Dies ist als Angebot an dieübrigen jugoslawischen Republiken zu verstehen, die sich allenfalls einem losen Staatenbund anschließen möchten. Die Chancen dafür werden erst nach Abschluß der ersten freien Wahlen in Mazedonien, Bosnien und Herzegowina zu beurteilen sein. Sie sind für November angesetzt. Doch schon jetzt läßt sich sagen, daß die nationale Zusammensetzung der Bevölkerung in Bosnien und Herzegowina gegen den Übergang zu einem souveränen Staat spricht, der sich dann einer jugoslawischen Konföderation anschließen könnte. Denn in dieser Teilrepublik leben etwa 40 Prozent Muslime, 22 Prozent Serben und 18 Prozent Kroaten. Jede Form von nationalstaatlicher Souveränität würde Bosnien und Herzegowina innerlich zerreißen. Dagegen scheint sich die Republik Mazedonien mit dem Gedanken an eine Konföderation anfreunden zu können. Freilich erschwerte dies die Geographie, liegt doch Serbien dazwischen, das einen eigenen Staat bilden möchte, wenn Jugoslawien auseinanderfällt.

Die nationalen Rivalitäten, die Bewaffnung serbischer Minderheiten in Kroatien, der drohende Ausbruch eines Bürgerkrieges, all das hatte die Spannungen im Land dermaßen verstärkt, daß selbst harmlose Manöver die wildesten Vermutungen nährten. Nur wenige Berichterstatter widerstanden der Versuchung, in der Aktion der jugoslawischen Militärpolizei gegen das ehemalige Hauptquartier der slowenischen Territorialverteidigung in Ljubljana gleich eine gewaltsame Besetzung durch die jugoslawische Armee zu sehen. Obwohl sich hinter diesem Vorgang ein Verfassungsstreit verbarg, reagierten die Beamten in den Ministerien von Ljubljana auf die Aktion eher mit einem mitleidvollen Lächeln als mit Angst.

Slowenien glaubt seine Entscheidungen gut abgestützt. Auch der früher kommunistische, jetzt sozialistische Präsident der Republik, Milan Kucan, trägt sie mit. Dies gilt für die Souveränitätserklärung vom April dieses Jahres ebenso wie für die auf sie folgenden Verfassungsänderungen, mit denen zahlreiche Bundesgesetze außer Kraft gesetzt wurden. Die folgenschwerste Entscheidung war dabei die Unterstellung des Militärs in Friedenszeiten unter die Kommandogewalt des slowenischen Staatspräsidenten. Der Wehrdienst der slowenischen Rekruten ist auf das Territorium Sloweniens beschränkt worden. Die Armee kann damit ihre integrierende Funktion im Vielvölkerstaat nicht länger wahrnehmen.

Während Slowenien sich neben einer Konföderation auch eine völlige Selbständigkeit vorstellen kann, trifft dies für Kroatien nicht zu. Die ungünstige geographische Bumerang-Form, die starke serbische Minderheit mit etwa 12 Prozent Bevölkerungsanteil und schließlich die Grenze zur Republik Bosnien und Herzegowina machen deutlich, daß ein unabhängiges Kroatien stets mit Identitätsproblemen zu kämpfen hätte. Alte Forderungen nach historischen Grenzen, das heißt nach einer territorialen Ausweitung des heutigen Kroatien, sind inzwischen verstummt.