Von Marlies Menge

Berlin, im Oktober

Die Post lehrt uns: Was früher DDR war, verlangt ab sofort ein O vor der Postleitzahl, was Bundesrepublik war, ein W. Damit die Postbeamten wissen, ob ein Brief mit der Zahl 5300 nach Bonn gehen soll oder nach Weimar, einer mit der Zahl 2000 nach Hamburg oder nach Neubrandenburg. Wir dürfen also "Osten" und "Westen" sagen, wenn wir unterscheiden wollen. "Wir bleiben erstmal die alten Ossis", sagt ein Potsdamer, "vierzig Jahre Leben lassen sich, leider oder Gott sei Dank, nicht einfach ablegen wie ein altes Hemd." Und weil er Briefmarkensammler ist, schickt er sich am ersten Tag des neuen Deutschlands einen historischen Brief – mit einer der letzten DDR-Marken: 100 Jahre 1. Mai, einer Übergangsmarke: Heinrich Schliemann-Ehrung, mit der Aufschrift "Deutsche Post" und schließlich der Marke zur "Deutschen Einheit", in schwarzrotgold, auf der schon "Deutsche Bundespost" steht.

Schwarzrotgolden feierten die Deutschen in ihre Einheit hinein. Schwarzrot-golden die Fahnen, die Mützen, die T-Shirts. Unter den Linden ähnelte das Fest einer Würstchenbuden-Olympiade. Die vielen Menschen, die zwischen den Ständen flanierten, erinnerten die Studentin Uta an die friedlichen Demonstrationen des vorigen Herbstes. Sie fragte einen Mann, warum er hier laufe. Er mißverstand die Frage: "Ich werde doch hier spazierengehen dürfen", ärgerte er sich. Das Ostberliner Kabarett "Die Distel" begrüßte die Zuschauer zur letzten Vorstellung in der DDR: "Uns gab’s nur einmal", sangen die Kabarettisten, "wir kommen nicht wieder, wir war’n zu schön, um wahr zu sein." Sie trugen die DDR zu Grabe, nach langem Siechtum, eine verkommene Schlampe, mit welcher der eine oder andere aber ganz gut zurechtgekommen war. Im Prater sangen Barbara Thalheim und andere DDR-Liedermacher ihre letzten Lieder.

Beim Bier entwickelte ein langhaariger junger Mann voller Begeisterung seine Zukunftsvision: "Die ganze DDR wird ein riesengroßes Kreuzberg, ein Moloch voller sozialer Spannungen und Aufmüpfigkeit." Er war dabei, als auf dem Kollwitz-Platz die "Autonome Republik Utopia" ausgerufen wurde. Friedlich ging es zu wie auf einer riesigen Party im Freien – mit Bratwürsten, Kaffee, Tee und Suppe.

Ganz anders einen Abend später, dem ersten Abend im vereinten Deutschland, als es auf dem Alex zu Krawallen zwischen Demonstranten und der Polizei kam, mit Tränengas, Wasserwerfern und Knüppeln. Aus Bänken wurden Barrikaden gebaut, Schaufenster der umliegenden Geschäfte demoliert. "Gehört zum neuen Deutschand auch, daß nun die Gewalt in unsern Teil der Stadt überschwappt?" fragte eine Frau.

Zum neuen Berlin gehört die gemischte Ost-West-Funkstreifenbesatzung. An den ehemals Ostberliner Polizeiwagen steht nur noch "Polizei", das "Volks" ist übermalt. Manche Ostberliner Polizisten zeigen sich noch in gemischter Bekleidung: in DDR-Uniform mit Westberliner Mütze. Um viele östliche Probleme kümmert sich nun der westliche Teil. So trifft die Frau, der man während des Pilzesuchens das Auto ausgeraubt hat, auf ihrer Meldestelle eine Westberliner Beamtin. Ihre Tochter hofft auf eine Lehrstelle als Chemielaborantin an der Humboldt-Universität, die sie dann zur Ausbildung in den westlichen Teil der Stadt schickt. "Von uns wird doch nichts übernommen", schimpft eine junge Frau, "Nicht mal der grüne Pfeil, der das Rechtsabbiegen bei freier Straße erlaubte, nicht die O,O-Promille Alkohol, das Tempolimit auf den Straßen. Ich muß eure Ladenschlußzeiten in mein Berufsleben einpassen – solange ich noch Arbeit habe."