Von Marie-Luise Hauch-Fleck

Die Oder fließt träge, im Wasser spiegelt sich der wolkenverhangene Himmel. Auf der Fußgängerbrücke, die Frankfurt mit Slubice, dem ehemaligen Frankfurter Stadtteil Dammvorstadt, verbindet, herrscht reger Betrieb – vor allem in Richtung Osten. Die Frankfurter nutzen hier, wie alle an der deutsch-polnischen Grenze, die Möglichkeit, sich billig in Polen mit Lebensmitteln und Textilien einzudecken, solange noch nicht die strikten EG-Zollbedingungen gelten.

Nur wenige hundert Meter entfernt, im Stadtzentrum, hat der Marktplatz seine eigentliche Bestimmung wiedergefunden. Dutzende von fliegenden Händlern bieten Obst und Gemüse an, Kinderkleider, Gyros vom Spieß, Radios, Walkmen und Nippes. Der Umsatz ist gut, die Einheimischen freuen sich, nicht mehr allein auf die ortsansässigen Geschäftsleute angewiesen zu sein. Denn das Mißtrauen, von denen beim Kauf übervorteilt zu werden, sitzt tief und ist wohl auch nicht unberechtigt. Die Weinhandlung mit Imbiß in der westlich anmutenden, modernen Fußgängerzone offeriert ein Paar Wiener Würstchen für 2,80 Mark. Am nächsten Tag ist der Preis auf 3,60 Mark geklettert. "Es geht hier oft zu wie im Frühkapitalismus. Es wird mit Ellenbogen und unmoralisch gekämpft", registriert denn auch der Leiter des Frankfurter Gewerbeamtes, Baudisch. Doch die gelegentlichen Auswüchse beim Run auf den Wohlstand sind noch die geringsten Sorgen, die die Kommunalverantwortlichen plagen.

Knapp fünf Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, kämpft ein Unternehmen ums Überleben, das mit 8000 Beschäftigten knapp zwanzig Prozent aller Arbeitsplätze in Frankfurt stellt: das Halbleiterwerk. Bis zur Wende versorgte der Betrieb alle übrigen DDR-Unternehmen mit bipolaren, integrierten Schaltkreisen, die unter anderem für die Produktion von Rundfunk- und Fernsehgeräten, Steuerungsanlagen sowie für die Computer- und Militärtechnik notwendig sind. Was die Frankfurter selbst nicht produzieren konnten, importierten sie. Konkurrenz gab es nicht, das planmäßige jährliche Umsatzwachstum von fünfzehn bis zwanzig Prozent wurde problemlos erfüllt.

Nach der Grenzöffnung aber sind Schaltkreise aus Frankfurt plötzlich nicht mehr gefragt. Statt teurer DDR-Radios und Fernseher kaufen die DDR-Bürger lieber die moderneren und billigeren Westprodukte. "Durch den Zusammenbruch des Konsumbereichs sind wir konfrontiert mit einem Umsatzrückgang im Inland", muß Dieter Kapell, zuständig für Ökonomie und Controlling, einräumen. Er gehörte, wie auch die übrige Geschäftsleitung, bereits vor der Wende zur Führungsebene. Der abgelöste ehemalige Werksleiter Joachim Handke ist inzwischen in den Aufsichtsrat der GmbH gewählt.

Von den derzeit noch 7200 Mitarbeitern arbeiten inzwischen drei Viertel kurz, 4600 davon null Stunden. Ein Sanierungskonzept, das der Treuhand vorliegt, aber von ihr noch nicht gebilligt ist, sieht nur noch 2600 Arbeitsplätze vor. Gleichwohl hat sich bisher kein ernsthafter Interessent für eine Übernahme gefunden.

Diejenigen aber, die im Halbleiterwerk entlassen werden, haben auch längerfristig so gut wie keine Chance, in der Region wieder Arbeit zu finden. In Frankfurt gibt es kein anderes größeres Industrieunternehmen. In der südlichen Nachbargemeinde Eisenhüttenstadt kämpft das Stahlwerk mit 11 000 Beschäftigten selbst ums Überleben. In Nördlich Schwedt steht dem Chemiewerk ebenfalls eine radikale Sanierung bevor.