ARD und ZDF, 3., 4., 5. und 7. Oktober: Die Frankfurter Buchmesse

Der stereotype Seufzer wegen der "Flut" von Neuerscheinungen und die verzweifelte "Wer-solldas-alles-lesen"-Gebärde anläßlich der Frankfurter Buchmesse blieben dieses Jahr im Fernsehen wenn nicht aus, so doch leise und im Hintergrund. Eine schlichte Wahrheit hat sich bis in die Kulturredaktionen rumgesprochen: Kein einzelner Mensch muß alle Bücher lesen, sondern das einzelne Buch findet nach und nach seine Käufer und Kenner, und man ist zur Not mit einer Handvoll zufrieden. Buchkäufer erwählen gern aus großen Mengen ein einziges Werk und widmen sich dessen Lektüre mit um so größerem Vergnügen, als sie wissen, daß zigtausend andere Bücher vergebens um ihre Aufmerksamkeit gebuhlt haben. Wer ist nicht gerne heiß umworben und hart umkämpft? Dem lesenden Menschen als König der Saison sind Verleger und Schriftsteller mit breitem Angebot zu Willen.

Die Buchmessen-Sendungen der Woche: Weltmarkt der Literatur am 4. Oktober in der ARD, aspekte am 3. und 5. im ZDF und Die große Buchnacht am 7. noch mal im Ersten verzichteten denn auch auf den obligaten Kampf mit der "Flut" und gingen gelassen ins einzelne. Wo viele Bücher angekündigt und ausgestellt werden, ist ja doch jedes ein Ding an sich. Salman Rushdie hat in seinem Versteck ein Kinderbuch geschrieben: "Harun und das Meer der Geschichten", Lotti Huber, Helmut Schmidt und der Dalai Lama legen Memoiren vor, Günter Grass sein "Totes Holz", aber dafür lebt "Angélique".

Japan, "Schwerpunktthema" und deshalb mit seiner Kalligraphie und seinen Comics häufig im Bild, nimmt Abschied vom Buch zugunsten des Monitors, der Clip verdrängt das Papier. Die DDR residiert noch in der Auslandshalle, der neue LinksDruck-Verlag bietet Titel wie "Sumpf" und "Obskure Geschäfte", und die Firma Dietz weiß jetzt: "Man muß verkaufen, um zu überleben." So spiegelt diese Messe in ihren Themen und Thesen die Lektion der Epoche.

Das gilt auch für die Frauenszene, die mit drei "starken Berlinerinnen" in den aspekten zu Worte kommt. "Nein", sagt Pieke Biermann, einen "Frauenkrimi" habe sie nicht geschrieben, sie wolle auch männliche Leser, und daß Frauen manchmal hauen, das sei schade, aber gerecht. Moderator Johannes Willms ist ganz entzückt von dieser Sendung mit drei Damen, deren schrillste, Lotti Huber, sogar singt. Befragt, wie’s ihr denn all die Jahre ergangen sei, spricht sie von unglaublichem Glück und wahnsinnigem Leiden, und Willms findet alles "wunderbar". Ja, und daß die Emanzen sich von den Männern abkehren, geht Lotti gegen den Strich: "Man muß da durch, und das ist Leben." – "Wunderbar." Nur die Biermann winkt ab, lacht aber mit.

Es ist nun mal so: Im Fernsehen kommt’s nicht darauf an, was man sagt, sondern wie man dabei ausschaut. Deshalb macht sich auch Herr Willms nicht übel, und deshalb kommt das Ding, das die ganze Messe wert ist, das Buch, nicht recht zur Geltung. Aber was soll’s, auf Messen wird gemäkelt, kontaktet und geworben, da paßt das Fernsehen prima hinein. Für die Ware "Große Buchnacht" müssen Sie, bei erloschenem Bildschirm und bleichem Lampenlicht, schon selber sorgen. Barbara Sichtermann