Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im Oktober

So rauschend wie noch im März hat sich dieser Wahlfeldzug nicht angelassen. Wohl wahr: Der Bundeskanzler badete abermals in Mengen, die nach vielen Zehntausenden zahlten. Neuerlich verkörperte Helmut Kohl all das, was für die Massen den Westen ausmacht – als der Politiker, an den sich alle Erwartungen und Ängste in einer unentwirrbaren Mischung wenden, wenn am Sonntag erstmals die fünf ostdeutschen Landtage gewählt werden sollen.

Doch die Wahlmanager blieben skeptisch: "Wir wollen den Wahlkampf erst noch gefuhrt sehen", hat es selbst kurz vor Schluß der Kampagne im Bonner Adenauer-Haus geheißen, das auch diesmal wieder die Masse der Ressourcen dirigierte.

Der Wahlkampf, der noch zu führen gewesen wäre: Das galt in erster Linie für DDR-Politiker, deren Anziehungskraft derart große Einbußen erlitten hat, daß in der Bonner CDU-Zentrale von einem demoskopisch geradezu dramatischen Absturz die Rede war – Folge jenes Autoritätszerfalls, den die Volkskammer und die Ostberliner Regierung erfahren haben, als sie sich anschickten, mit Schaufeln gegen eine Wüste anzugehen. Mit Sisyphos war kein Staat zu machen.

Aber selbst mit Wunderleuten aus dem Westen war der Wahlkampf nicht ohne weiteres zu bestreiten. So mancher durchaus angesehener Politiker, sogar aus deutsch-deutschen Verhandlungsrunden, hat sich wieder auf ein Normalmaß von Aufmerksamkeit reduziert, gesehen, bei Versammlungen in Nebenräumen, selbst in Hinterzimmern. Der erste Überschwang ist dahin; die Leute sind zurückhaltender geworden, nicht unbedingt ablehnend, aber sie sind nicht mehr geblendet von allem, was sich nur irgendwie mit dem Westen in Verbindung bringen läßt.

Auch der Kanzler hat das – in Grenzen – gemerkt. Die gleißenden Massenversammlungen mit ihm, wo einer den anderen ansteckt und mitreißt, über manche inzwischen entstandene Reserve hinaus, sind das eine. Doch Helmut Kohl liebt es auch, als eine Art Harun al-Raschid zu erscheinen – sei es, daß er sich der versammelten Menge als Fußgänger von hinten nähert und plötzlich mitten unter den Leuten ist; sei es, daß er unterwegs anhalten läßt und sich die Beine vertritt.