Von Robert Frank

Die Wilhelmstraße entlang von Berlin-Kreuzberg nach Berlin-Mitte zu gehen gehörte zu den erstaunlichen Erlebnissen der letzten Wochen: zuerst durch Locher in der Mauer, dann auf frischem Asphalt über den ehemaligen Todesstreifen. Die Wilhelmstraße, schon im zweiten Reich Synonym für Regierungssitz wie Quai d’Orsay oder Downing Street, verband im Dritten Reich Hitlers Reichskanzlei mit der Zentrale Himmlers, des "Reichsführers SS". Übermannshoch war der Reichsadler über dem Portal zur Neuen Reichskanzlei an der Voßstraße, kolossal flankierten die Allegorien von "Partei" und "Wehrmacht" – Bildwerke Arnold Brekers – den Eingang zu "Mosaikhalle" und "Marmorgalerie". Noch während die Neue Reichskanzlei gebaut wurde, plante Albert Speer das hypertrophe "Palais des Führers" am Ort der Krolloper (gerade dort, wo bis vor kurzem noch ein "Deutsches Historisches Museum" gebaut werden sollte). Die Monstrosität der nationalsozialistischen Architektur aber war die Kehrseite der Taten: der Menschenverachtung, der Menschenverfolgung, schließlich der Menschenvernichtung in der Mordmaschinerie der Lager. Die Gestapo in der Prinz-Albrecht-Straße brauchte keine Monumente. Die Adresse war Alptraum der Verfolgten, zuerst in Berlin, später in Deutschland, dann in Europa.

Nach dem Krieg entstanden überall Mahnmale für die Opfer der Untaten, die an diesem Ort geplant und vorbereitet worden sind. Auschwitz und Westerbork, Lidice und Oradour, Dachau und Buchenwald sind Gedenkstatten. Die Geschichte des Geländes in Berlin aber blieb verschüttet, eine schwarze Gedächtnislücke inmitten wiederaufgebauter Stadt. Pablo Picasso hatte "Guernica" gemalt, Arnold Schönberg hatte den "Uberlebenden von Warschau" komponiert, Ossip Zadkin ein Zeichen für das zerstörte Rotterdam gesetzt, Jewgenij Jewtuschenko hatte "Babi Jar" geschrieben – die "Prinz-Albrecht-Straße" blieb vierzig Jahre ohne Darstellung, unbeschrieben. Hier ging es um die Täter, hier wurde der Tatort eingeebnet und vergessen.

Ein Wettbewerb, unter der Schirmherrschaft des Regierenden Bürgermeisters Richard von Weizsäcker, blieb 1983 folgenlos. Eine "Spurensicherung" forderte 1986 verschüttete Fundamente und Kellermauern zutage. Die Dokumentation und Ausstellung "Topographie des Terrors", unter Leitung des Historikers Reinhard Rürup während der "zentralen historischen Ausstellung zur 750-Jahr-Feier der Stadt Berlin", sollte auf dem Gelände erkennbar machen, was von diesem Ort ausgegangen war. "Die provisorische Herrichtung des Geländes", hieß es in einer Mitteilung des Senators für Kulturelle Angelegenheiten vom September 1986, soll "die bisherige Nutzung des Geländes beenden und ... an seine Verwendung während der Nazizeit und ... nach dem Krieg erinnern". Die "provisorische Herrichtung" wird bald vier Jahre alt.

Im Dezember 1988 stellte der Petitionsausschuß des Abgeordnetenhauses von Berlin sechs Grundpositionen zusammen, "zur zukünftigen Nutzung dieses Areals, die sich in der öffentlichen Diskussion während der vergangenen drei Jahre herausgeschält haben": 1. Der zur Zeit bestehende Zustand solle erhalten bleiben... 2. Durch ein Mahnmal solle "die Zentrale der Täter der Ort für das Gedenken an die Opfer werden". 3. "Ein Museum zur Geschichte des Ortes" als Fortführung der provisorischen Ausstellung. 4. Eine "zentrale Dokumentationsstelle". 5. "Die Ansiedlung von Menschenrechtsorganisationen". 6. "Freizeitaktivitäten" für die "im Umfeld entstehenden Wohnungsbauten" ("sehr kontrovers diskutiert").

Im Auftrag des Berliner Abgeordnetenhauses konstituierte sich im Februar 1989 eine "Fachkommission zur Erarbeitung von Vorschlagen für die künftige Nutzung des ‚Prinz-Albrecht-Geländes‘ (,Gestapo-Geländes’) in Berlin-Kreuzberg", die im März 1990 ihren Abschlußbericht vorlegte.