Von Iring Fetscher

In der englischsprachigen Welt ist diese kleine Sammlung mit Interpretationen von 31 antiken Mythen wohlbekannt. Sie war schon zu Bacons Lebzeiten ein "Bestseller". Aber nicht nur deshalb ist ihre von Marina Münkler glänzend übertragene deutsche Ausgabe zu begrüßen, wir lernen nämlich auf diesen Seiten auch einen Bacon kennen, der sich von dem verbreiteten Klischee des Anwalts unbegrenzter Naturbeherrschung deutlich unterscheidet. Die Weisheit der Alten wird zwar – im Anschluß an die knappe Nacherzählung von Mythen – "als allegorisch drapierter Vorgriff auf die Prinzipien eines zukünftigen wissenschaftlichen Denkens" verstanden und gleichsam "entmythologisiert", aber dennoch bleiben die antike Scheu und die religiöse Demut als Korrektive unumschränkten Herrschaftsstrebens als wertvolles Erbe gewahrt.

Von den vier Themenbereichen dieser Interpretationen ist die "Untersuchung der zivilisatorischen Funktion wissenschaftlicher Forschung und der Aufweis der Notwendigkeit einer neuen theoretischen Methode", wie er im Anschluß an die Mythen Atalanta, Sphinx, Orpheus und Prometheus entwickelt wird, am wichtigsten. Rippel stellt zu Recht fest, daß "im Vergleich mit der frevelhaften Neugier eines Pentheus ... die hybride Begehrlichkeit eines Prometheus einen weiteren Schritt auf der Bahn jenes noch unbeherrschten Verfügungswillens bedeutet, der in der Herausforderung der grausam strafenden Götter allegorisch vorwegnimmt, was zur technologischen Selbstgefährdung einer künftigen Menschheit werden sollte und doch abwendbar wäre". Der Angriff auf die Keuschheit Minervas, der von Prometheus berichtet wird, motiviert Bacon zu folgender Deutung: "Es scheint sich hier um nichts anderes zu handeln, worin die Menschen häufig verfallen, wenn sie von Künsten und Wissenschaften aufgeblasen sind, nämlich zu versuchen, der Herrschaft der Sinne und des Verstandes selbst die göttliche Weisheit zu unterwerfen (Minerva symbolisiert die göttliche Weisheit), was unvermeidlich die Zerfleischung des Geistes und seine rast- und endlose Verwirrung zur Folge hat. Daher muß der Mensch genau und bescheiden zwischen göttlichen und menschlichen Dingen unterscheiden, wenn er nicht eine ketzerische Religion und eine falsche Philosophie haben will."

Ganz ähnlich wird von Bacon auch das Vergehen des Feuergottes Vulcan interpretiert, der gleichfalls Minerva zu vergewaltigen versucht. Aus seinem zur Erde fallenden Samen geht dann die Mißbildung des Erichtonius hervor. Vulcan, der als Repräsentant der Handwerkskunst zu deuten ist, dient damit der Warnung vor dem Versuch, "durch die Mißhandlung der Körper ... der Natur seinen Willen aufzuzwingen und sie zu erobern und zu unterwerfen". Ein solcher Versuch erreicht nämlich nur selten, was er möchte. "Unter großem Aufwand und großen Mühen ... fallen ... verschiedene Mißgeburten und untaugliche Werke ab." Gegen diese Natur-Vergewaltigung scheint Bacon – im Sinne eines Ernst Bloch (?) – die Utopie einer "gewaltlosen Naturbeherrschung" zu vertreten, stellt Rippel fest.

Mit diesem Beispiel der Baconschen Mytheninterpretation und ihrer Kommentierung muß ich mich begnügen. Der Essay von Philipp Rippel enthält – gestüzt auf gründliche Kenntnis nicht nur Bacons, sondern auch der von ihm benützten Literatur und der modernen Bacon-Forschung – zahlreiche subtile Ausführungen unter anderem auch über die allegorische Relevanz der Titelgravure der "Instauratio Magna" von 1620, die zwei Säulen zeigt, durch die ein Schiff hinausfährt – vermutlich, um die Insel Neu-Atlantis und den zur Akademie der theoretischen und angewandten Wissenschaften ausgebauten Tempel Salomonis Bensalem aufzusuchen. Durch seine Verknüpfung antiker und alttestamentarischer Mythen bestätigt Bacon auf unerwartete Weise den abendländischen Ursprung des modernenabendländischen naturwissenschaftlichen Denkens. Erst heute entdecken wir, daß schon er auch vor der Hybris unumschränkter Naturbeherrschung und -ausbeutung warnen wollte.

  • Francis Bacon:

Weisheit der Alten

herausgegeben und mit einem Essay von Philipp Rippel; S. Fischer Verlag, Frankfurt 1990; 127 S., 14,80 DM