Wie ein Unruhestifter, der das medizinische Establishment herausfordern will, wirkt der gesetzte Medizinprofessor Manfred Mörl vom Bürgerpark Krankenhaus in Bremerhaven nicht. Ihm und zwei Kollegen sei aber jetzt der Kragen geplatzt, erklärt er erregt in thüringischem Tonfall: "Die alte Garde aus den ostdeutschen Kliniken und Universitäten holt mich wieder ein." Es sei wie beim Wettlauf zwischen Hase und Igel. "Ausgerechnet am Tag der deutschen Einheit werden Klinikdirektoren aus Berlin, Halle und Leipzig als prominente Gastredner von der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten geehrt."

Da der Internist Harald Goebell von der Universität in Essen die Einladungen an seine Ost-Universitätskollegen nicht rückgängig machen konnte und wollte, sind die drei Aufrührer an die Öffentlichkeit gegangen.

Manfred Mörl aus Bremerhaven, Julius Schoenemann aus Köln und Dieter Theuer aus Heilbronn sind in den siebziger Jahren aus der ehemaligen DDR geflüchtet. Sie waren Assistenzärzte in Halle, Rostock und Berlin und mußten auf die von ihnen ersehnte Hochschulkarriere verzichten, weil sie nicht in die SED eintreten wollten. Viele Klinikchefs und Lehrstuhlinhaber seien, so berichten sie aus eigener Erfahrung und der zurückgebliebener Freunde, aus opportunistischen Gründen zu "Lumpen des Systems" geworden. Fassungslos sind die drei darüber, daß Hochschullehrer, die verantwortlich für die "moralische Katastrophe" der Ost-Universitäten seien, jetzt von West-Universitäten eingeladen würden.

Die privilegierten "Reisekader West", bemerkt verbittert Manfred Mörl, hätten schon immer in den Westen reisen können. Nachher hätten sie dann mit ihren Westkontakten geprahlt. Internationale wissenschaftliche Fachliteratur sei nur den Bevorzugten des Systems zugänglich gewesen. Dadurch habe sich der Wissensabstand zwischen den "Ärztegenossen" und dem "Fußvolk" in der Klinik noch verbreitert. Medizinisch technische Geräte wären nur Genossen zugeteilt worden. "Das passiert heute noch in Halle", berichtet ein ostdeutscher Arzt, der dort an einer großen Klinik tätig ist: Einen sogenannten Farbdoppler zur Darstellung von Blutgefäßen bekam kürzlich der einstige ärztliche Parteisekretär der Klinik von alten Genossen zugeschanzt. "Nennen Sie um Gottes willen nicht meinen Namen", bat der Arzt noch am Tag nach der Vereinigung in einem Telephongespräch. "Die alte Garde sitzt immer noch am längeren Hebel." Manchem Klinikdirektor aber werde jetzt der Kontakt zur Stasi fehlen, mit der einen vertrauteren Umgang gehabt hätte, als mit seinen Mitarbeitern, so argwöhnt Manfred Mörl.

Ein Dresdner Gynäkologe pries noch im November 1989 den "antifaschistischen Schutzwall" und sprach verächtlich vom profitorientierten Gesundheitssystem des Westens. Auf wissenschaftlichen Tagungen in "sozialistischen Bruderländern", an denen auch westdeutsche Kollegen teilnahmen, ließen die Kollegen aus dem Osten an der Bundesrepublik kein gutes Haar. Jetzt stellen sich viele offenbar rasch um. Sie sind so wendig, daß sie bei jedem Gespräch über die Entwicklung des Gesundheitswesens in der ehemaligen DDR mit dem Hinweis enden: "Es soll so werden wie bei euch."

Der Wunsch wird sicher bald in Erfüllung gehen. Die ärztliche Prominenz in Ostdeutschland bereitet sich darauf bereits vor. Dazu gehören auch Einladungen zu Vorträgen nach Westdeutschland. "Wissenschaftliche Kongresse im Westen dienen den belasteten DDR Medizinern als Waschanlage für ihre Reputation", behaupten Manfred Mörl und seine zwei Kollegen. Mit dieser Aufwertung der alten Genossen durch die wissenschaftlichen Gesellschaften würde aber den Reformgruppen an den Universitäten das Leben noch schwerer gemacht.

Harald Goebell, der Vorsitzende der 45. Tagung der westdeutschen Gastroenterologen in Essen, ist über die Unruhe, die seine Einladung ausgelöst hat, bedrückt. "Ich bin weder Richter noch Politiker", erklärt er, "und wissenschaftliche Tagungen sind nicht der Ort für politische Auseinandersetzungen." Er habe bereits im Januar die Einladungen an den Vorstand der DDR-Gesellschaft für Gastroenterologie ausgesprochen. Die von Manfred Mörl als SED-Aktivisten bezeichneten Vorstandsprofessoren Nilius und Rogos waren gerade mit dem stolzen Wahlergebnis von 91 Prozent wiedergewählt worden. Harald Goebell hat sie dann als Gastreferenten erwählt.